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Angst vor der Vorsorge?

Nein, sexy ist das Thema definitiv nicht. Unsere Redaktionspraktikantin hat die Sache mit der Altersvorsorge stets vor sich her geschoben. Für den Fokusmonat «Geld» hat sie sich zum ersten Mal damit auseinandergesetzt und findet nun: «Hören wir auf damit! So kompliziert es auch erscheint, so einfach ist bereits eine kleine Umstellung im Alltag, die in der Zukunft einiges bewirkt.»
03. März 2021
Praktikantin Redaktion

«Vorsorge? Lass jetzt mal nicht über das Thema reden», entgegnen mir meine Freund*innen beinahe im Chorus und schauen mich etwas verwirrt an, als ich sie vor wenigen Wochen auf ihre finanzielle Absicherung im Alter anspreche. Verständlich, schliesslich habe auch ich mich bis vor Kurzem noch nie ernsthaft damit auseinandergesetzt. Aber warum eigentlich nicht. Ich bin 26 Jahre alt, habe eben mein Studium abgeschlossen, arbeite nun bereits seit bald einem Jahr Vollzeit. Und trotzdem ist es mir bisher nicht in den Sinn gekommen, mich ernsthaft mit den Themen 3. Säule, AHV oder Pensionskasse zu befassen.

Zugegeben, meine Brust füllt sich bei dem Gedanken daran auch nicht unbedingt mit dem typischen «Vorfreudekribbeln», das sich früher vor einem anstehenden Konzert oder Wochenendausflug einstellte. Und da meine Freund*innen offenbar nicht mit mir über dieses Themen sprechen wollen – oder zumindest noch nicht – suche ich als erstes auf Google Rat und tippe dort die Schlagwörter «Säule 3a», «Vorsorgeberatung Zürich», «Vorsorge für Studenten» ein. Ich weiss, ich bin keine richtige Studentin mehr. Trotzdem fühle ich mich in dieser Bubble noch immer ganz wohl. Möglicherweise aus dem Grund, weil sie mir als Ausrede dient. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich einige darin wiedererkennen.

Die ersten vier Anzeigen meiner Googlesuche sind Ads, gefolgt von organischen Anzeigen. Darunter befindet sich eine Vorsorgeberatung, die speziell auf Frauen ausgerichtet ist. Ich halte kurz inne. Nicht, weil mir etwas an der Anzeige suspekt erscheint, sondern weil ich einen Hauch von Scham verspüre. Darüber, dass ich mir tatsächlich noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht habe, wie es um meine Altersvorsorge steht, wenn ich in Zukunft einmal Kinder haben, mich vielleicht für einen Teilzeitjob entscheiden und dazu in einer Partnerschaft anstelle einer Ehe leben möchte. Ich klicke den Link schliesslich an.

Die darauffolgende Recherche bestätigt mir Vieles, das ich bereits weiss. Vor allem aber lehrt sie mich einiges über versteckte Tücken und Risiken, denen ich mir vorher in diesem Umfang nicht bewusst war. Aber zuerst einmal von vorn.

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Das Schweizer Drei-Säulen-Prinzip

Die Schweizer Altersvorsorge basiert auf dem Drei-Säulen-Prinzip: die AHV und IV als erste Säule, die Pensionskasse als zweite Säule und die freiwillige Selbstvorsorge als dritte Säule. Um das Ganze etwas genauer zu erklären: Die erste Säule unterliegt der Staatsverantwortung. Sie beschreibt die obligatorische Alters- und Hinterlassenenversicherung und deckt den Existenzbedarf. Miteingeschlossen sind die Invalidenversicherung (IV), Ergänzungsleistungen (EL), den Erwerbsersatz während des Dienstes oder Mutterschaft (EO) und Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung (ALV).

Die zweite Säule, die Pensionskasse, ist die obligatorische berufliche Vorsorge und Verantwortung der Arbeitgeber*innen. Sie sparen gewissermassen mit. Das Ziel der Pensionskasse ist es, den gewohnten Lebensstandard auch im Rentenalter weiterführen zu können. Das bis dahin angesparte Kapital wird zum Zeitpunkt der Pensionierung in eine lebenslange Altersrente umgewandelt. Grundlage ist die obligatorische Versicherung der beruflichen Vorsorge (BVG).

Das Schweizer Drei-Säulen-Prinzip einfach dargestellt.

Die Einzahlung in die Pensionskasse beginnt mit dem Antritt des Arbeitsverhältnisses und frühestens mit 18 Jahren. Bis zum Alter von 25 Jahren werden die Beiträge für die Risiken Tod und Invalidität abgedeckt. Danach, beziehungsweise ab dem 25. Lebensjahr, kommt die Altersversicherung hinzu. Die Einzahlung endet, wenn das ordentliche Rentenalter erreicht ist. Selbstständige Arbeitnehmer*innen, Arbeitnehmer*innen mit befristetem Arbeitsvertrag von höchstens drei Monaten, im eigenen Landwirtschaftsbetrieb tätige Familienmitglieder oder Personen die im Sinne der IV mindestens zu 70 Prozent erwerbsunfähig sind, sind von der Pflicht ausgenommen. Sie können freiwillig in die berufliche Vorsorge (BVG) einzahlen.

Wie viel einzuzahlen ist, hängt vom BVG-Umwandlungssatz ab, der die jährliche Altersrente berechnet. Der momentane Umwandlungssatz liegt bei 6,8 Prozent für Frauen im Alter von 64 Jahren und Männer im Alter von 65 Jahren. Festgelegt wird der Umwandlungssatz jeweils vom Bundesrat. Versichert wird ein jährlicher Lohn ab 21’510 Franken, nach oben geht es bis zu knapp über 85’000 Franken. Die Pensionskassen-Rente wird dann aus dem Pensionskassen-Guthaben gerechnet. Liegt dies bei 100’000 Franken, bekommt die Person als Altersrente 6’800 Franken pro Jahr ausbezahlt.

Die letzte Säule ist die 3. Säule, die in der Eigenverantwortung jeder Person liegt. Ein vorläufiger Bezug ist bis auf die Ausnahme von Invalidität nicht möglich. Bis zu einem gewissen Betrag können die Beiträge vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden. Nebst der Säule 3a gibt es auch noch die Säule 3b. Diese Vorsorgeart gehört zur freien Vorsorge und ist nicht an einen Vertrag gebunden. Die einbezahlten Beiträge können beliebig hoch sein und sind nicht steuerlich begünstigt. Soweit ist es also gar nicht so kompliziert.

Wieso also drücken sich Personen vor der Auseinandersetzung damit? Denn laut einem Bericht der NZZ ist die Altersvorsorge die grösste Sorge von jungen Menschen – vor der Corona-Pandemie und dem Klimawandel. Vielleicht, weil das Thema bisher immer einen Tick zu weit weg war und man irgendwann ins Prokrastinieren rutscht. Ein typisches Problem meiner Generation Y, den Millennials? Das Y wird im Englischen sinnbildlich als «why» ausgesprochen. Geboren in den 80ern bis Mitte der 90ern, sind wir also eher dafür bekannt, Dinge zu hinterfragen und neugierig zu sein. Nur eben nicht auf das Thema Vorsorge.

Das Unverständnis zusammen mit der vorherrschenden Skepsis führt dazu, dass viele vor dem Thema Vorsorge zurückschrecken.
Simon Egli, Geld- und Finanzsoziologe

Eine Frage der Generation?

Dazu habe ich Simon Egli, Geld- und Finanzsoziologe der Universität Zürich, befragt. Er sieht den Grund nicht nur in der Generation: «Es hat erstens damit zu tun, dass das Thema so weit weg liegt und noch nicht aktuell ist. Gleichzeitig fehlen die Kompetenzen. Irgendwann im Verlauf der 20er kommt dann jemand von der Bank direkt auf uns zu und zeigt, wie das Geld am besten anzulegen ist. Bis dahin fehlt das Wissen.» Dieses Unverständnis zusammen mit der vorherrschenden Skepsis führe dazu, dass viele vor dem Thema zurückschrecken würden.

Die Generation selbst sieht Egli mehr als Folge anstatt Ursache: «Nehmen wir das Beispiel des Immobilienmarktes. Für Personen der älteren Generation war es ein Teil der Vorsorge, sich preisgünstig Immobilien zu erwerben, die über die Jahrzehnte massiv an Wert gewonnen haben. Für unsere Generation ist diese Anlage weniger attraktiv. Der Markt ist heute gesättigter und eine Immobilie im Vergleich zum Einkommen ein viel grösserer Kostenpunkt. Dies hat Konsequenzen für die Ungleichheit zwischen den Generationen und auf die generelle Vermögensungleichheit. Dieser Aspekt fällt den Jüngeren darum schwerer.»

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Ein weiterer Grund ist die Lebenseinstellung. Anders als frühere Generationen, setzen junge Menschen heutzutage verstärkt auf Individualität im Lebensstil. Das verlangt speziell angepasste Lösungen in der Vorsorge. Und das wiederum lässt das Ganze nochmals ein wenig komplizierter erscheinen. Eigenverantwortung ist gefragt, mehr denn je.

Frauen und Vorsorge

Mehr Eigenverantwortung wird vor allem Frauen geraten. Silvia Villars, langjährige, selbstständige und unabhängige Vorsorgeberaterin bei der Frauenzentrale Zürich, bestätigt mir, dass viele ihrer Kundinnen erst dann die Vorsorgeberatung aufsuchen, wenn es schon brennt. Wie kommt das? Von der Gleichstellung im Zivil-und Arbeitsrecht, über das Stimm- und Wahlrecht und auch in Sachen Sex und Verhütung: Starke und selbstbestimmte Frauen haben gezeigt, wie wichtig Gleichberechtigung und Emanzipation in unterschiedlichen Bereichen sind. Umso fraglicher ist es daher, warum sie in Sachen Vorsorge verstärkt dazu tendieren, sich vor einer Auseinandersetzung mit dem Thema zu drücken.

Frauen tendieren dazu, das Thema weiter zu delegieren, zum Beispiel an den Partner. Das ist weder sinnvoll noch emanzipiert.
Silvia Villars, Vorsorgeberaterin

Die Vorsorgeberaterin nennt dafür mehrere Gründe: «Es ist eine Mischung aus sich zu wenig Zeit nehmen, um sich damit auseinanderzusetzen und zu lernen, darüber zu reden.» Frauen würden dazu tendieren, das Thema weiter zu delegieren, zum Beispiel an den Partner. Das sei weder sinnvoll noch emanzipiert. «Das darf nicht sein. Man sollte seine Finanzen nicht jemandem anderen überlassen, der nicht Expert*in ist», erklärt Villars. Die Eigeninitiative ist aber nicht allein verantwortlich für die verhärtete Beziehung von Frauen und Vorsorge: «Wir haben in der Schweiz erst seit 50 Jahren das Stimmrecht für Frauen. Erst seit 1988 ist das neue Eherecht in Kraft. Vorher war der Mann das Oberhaupt der Familie, die Frau durfte nur mit dem Einverständnis des Mannes arbeiten und Verträge unterschreiben. Diese Tatsache ist nicht zu unterschätzen.»

Die Trägheit im System

Das die Geschichte oftmals etwas länger braucht, zeigt sich auch im Schweizer Vorsorgesystem. So geht aus dem Global Pension Report 2020 der Allianz hervor, dass das Schweizer Rentensystem im internationalen Vergleich den 23. Rang besetzt, von insgesamt 70. Das als jahrelang geltende Vorbild hinkt mittlerweile an mehreren Stellen hinterher. Zum Beispiel im sogenannten Gender Pension Gap. Aus einer Medienmitteilung des Bundesamts für Statistik hervor, dass Frauen immer noch eine um rund einen Drittel tiefere Rente erhalten.

Silvia Villars, langjährige, selbstständige und unabhängige Vorsorgeberaterin und Vorsorgeberaterin bei der Frauenzentrale Zürich (Foto: Silvia Villars)

Eine Ursache ist der ähnlich klingende Gender Pay Gap. Frauen werden nach wie vor für die gleiche Arbeit immer noch schlechter entlöhnt als Männer. Speziell in Kaderstellen berichtet das BFS einen starken Lohnunterschied zwischen Frauen und Männer. Der tiefere Lohn ist direkt an die Höhe der einbezahlten Rente gekoppelt. Übernehmen Frauen zudem die Betreuungsarbeit für die Kinder und reduzieren folglich ihr Arbeitspensum, hat das negative Auswirkungen auf die persönliche Altersvorsorge. Abhängig von der familiären Situation steigen Frauen periodenweise sogar ganz aus dem Arbeitsmarkt aus. Die Folge: AHV-Beitragslücken.

Währenddessen zahlt der Mann stets die vollen Beiträge in die Vorsorge ein. Kommt es am Ende zu einer Trennung, endet das vor allem für Frauen in einem bösen Erwachen. Denn im Vergleich zu einer Ehe ist der Mann bei einer Partnerschaft ohne Trauschein nicht dazu verpflichtet, für die Unterhaltszahlungen der Ex-Partnerin aufzukommen, geschweige denn, das Guthaben aus der beruflichen Vorsorge aufzuteilen. Kurz gesagt: Das Pensionskassen- und AHV-Splitting gilt nur bei Eheleuten oder gleichgeschlechtlichen Paaren mit eingetragener Partnerschaft.

Obwohl also Frauen, mit oder ohne Kinder, massiv zu einem funktionierenden System beitragen, ist die Altersvorsorge für ein klassisches Männerleben strukturiert. Die Leistungen der weiblichen Seite werden dabei unterproportional berücksichtigt.

Monatlicher Bruttolohn nach beruflicher Stellung und Geschlecht, 2018 (Grafik: Bundesamt für Statistik)

Bereits Veränderungen im Kleinen bewirken etwas

Unternehmen können insofern einen Beitrag leisten, indem sie Frauen in Führungspositionen als auch Teilzeitkaderstellen fördern. Auch teilzeitfreundliche Koordinationsabzüge würden die Benachteiligung von Frauen minimieren. Denn viele Teilzeitlöhne reichen nicht aus für den Eintritt in die Pensionskasse.

Ein weiterer Punkt ist kulturell bedingt. Das bestätigt auch Villars: «Skandinavische Länder wie Dänemark und Schweden sind uns voraus. Sie haben gute Systeme, dass die Frauen bald wieder nach der Geburt ihres Kindes Vollzeit arbeiten gehen. Dadurch haben sie weniger Einbussen bei den Vorsorgeleistungen. Es ist kulturell akzeptiert.» Dass die Schweizerinnen eine der höchsten Erwerbsquoten Europas hätten, diese aber mehrheitlich über Jahrzehnte im Teilzeitverdienst lägen, hinterlasse Spuren im Einkommen und der Altersvorsorge. In der Pensionskasse wirke sich der Koordinationsabzug darum besonders bei Einkommen im Teilzeitpensum aus.

Es ist wie eine gute Verhaltensweise, die man sich angewöhnt und in die Zukunft weiterträgt.
Silvia Villars, Vorsorgeberaterin

Step by step ist besser als nichts tun

Das System zu ändern ist ein langjähriger Prozess. Kurzzeitig kann aber jede Person bei sich selbst beginnen. Villars rät darum, direkt in das Thema Vorsorge und Sparen einzusteigen und es kennen zu lernen.

Um all diejenigen zu beruhigen, die nun denken, dass es entweder zu früh sei oder sich das Sparen im kleinstelligen Bereich nicht lohnt; es lohnt sich doch. Das versichert mir Villars: «Man beginnt im Kleinen, step by step. Es müssen ja nicht gleich die vollen 6’883 Franken für die 3. Säule a sein. Bereits 50 Franken im Monat lohnen sich und sind besser als nichts. Denn das Geld bleibt als Vorsorgeinvestition auf dem Konto und wird nicht ausgegeben». Auch zu früh geht eigentlich kaum. Denn: «Je früher, desto besser», meint Villars. «Es ist wie eine gute Verhaltensweise, die man sich angewöhnt und in die Zukunft weiterträgt.» Früh mit leichtem Sparen zu beginnen, macht also auch aus der verhaltenspsychologischen Perspektive Sinn. Zudem besteht mehr Spielraum im Alter, nicht zuletzt wegen des Zinseffekts. Dazu am besten einen monatlichen Dauerauftrag einrichten.

In einem weiteren Schritt müsse jede Person für sich entscheiden, wo sie das Geld einzahlen möchte, betont Villars. Damit erhalte auch die «Wie-Frage» an Bedeutung. Wie soll das Geld auf der Bank liegen oder wie soll es investiert werden. Hier gebe es kein allgemeines Richtig oder Falsch. Denn wie in ganz vielen anderen Bereichen, gehe es auch hier darum, sich selbst kennenzulernen und seine Persönlichkeit zu entwickeln. In diesem Fall eben die «Geldpersönlichkeit», anstatt der professionellen Persönlichkeit oder der Beziehungspersönlichkeit.

Aus diesem Grund rät sie, dass auch Personen aus einem glücklichen Konkubinat sich unbedingt selbst mit ihrer Vorsorge beschäftigen. Denn auch wenn es oberflächlich gesehen keinen Grund zur Beunruhigung gäbe, könne sich das ziemlich schnell ändern. Villars meint: «Hat eine unverheiratete Frau sich mehrheitlich um die Kindererziehung gekümmert und Teilzeit gearbeitet, muss sie wissen, dass sie im Gegensatz zur verheirateten Frau bei einer Trennung keinen Anspruch auf die Hälfte der Pensionskassenleistungen ihres Partners hat. Sie erhält somit keine eigenen Unterhaltszahlungen. Da können sich grosse Vorsorgelücken ergeben.»

Diesen Frauen mit ungleich verteilter Kinder- und Haushaltsverteilung empfiehlt Villars klar: «Einen Konkubinatsvertrag mit Leistungsausgleich und Abfindungen im Sinne von Unterhaltszahlungen zu vereinbaren.»

Auch bei frisch verheirateten Paaren mag dies nicht gerade auf Platz eins der To Do Liste stehen, trotzdem ist es enorm wichtig. So erklärt die Vorsorgeexpertin, dass die Bedeutung von Geld klar sein müsse. Es gebe nunmal unterschiedliche Ansichtsweisen von Geld, sind diese aber zu verschieden, werde es früher oder später zu Problemen führen. Wenn es um Geld gehe, solle eine Beziehung auch zu Ende gedacht werden. Geldangelegenheiten und Vorsorge fair zu verhandeln und zu regeln, stärke eine Beziehung.

Der schwarze Schwan und die Aktien

Hier mit inbegriffen ist das Thema Aktien und Fonds. Wenn ich selbst an Aktien denke, kommen mir Begriffe wie SMI und Börsencrash in den Sinn. Letzteres ist nicht unbedingt positiv behaftet und vielleicht ist das auch ein Grund, wieso ich mich mit diesem komplexen Thema bisher nicht beschäftigt habe. Auf die Frage, wo und wie man überhaupt beginnen soll, entgegnet mir Villars mit der Metapher des schwarzen Schwans von Nassim Nicholas Taleb. Dieser sagt, dass die Menschen bis ins späte 17. Jahrhundert nur weisse Schwäne kannten. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde aber in Australien ein schwarzer Schwan gesichtet. Ein einziger Schwan hat folglich die Beobachtung von unzähligen weissen Schwänen überstrahlt. Anders gesagt: Die Regel wurde mit einem einzigen Fall für ungültig erklärt. Die Metapher verdeutlicht, wie Menschen aus Erfahrungen und Erlebnissen der Vergangenheit lernen, um zukünftige Schlüsse daraus zu ziehen. Geschieht ein sehr seltenes Ereignis, wird das überproportional schwer gewichtet, sodass sich die bisherige Theorie verändert. Ein klassisches Beispiel des Risikomanagements.

Villars erklärt: «Vor allem für den Aufbau des Vorsorgekapitals mit einem längeren Horizont als zehn Jahre macht es Sinn, in Aktienfonds zu investieren. So werden die Phasen, wo Wertverluste entstehen, mit den Phasen, wo Gewinne erzielt werden, bei langfristigem Horizont ausgeglichen. Die Gesamtperformance ist im Endeffekt höher, als wenn wir alles nur auf dem Konto belassen. Risiken gibt es also überall. Genauso wie Vorteile. Welche Option einem lieber ist, hängt darum von den individuellen Präferenzen ab.» Dem fügt Villars weiter hinzu: «Es ist mittlerweile fast risikoreicher, das Geld einfach nur auf dem Konto zu belassen, da wir uns in einer Tiefzinsphase befinden, anstatt zu investieren. Die neue Generation sollte lernen, ein wenig mutiger zu werden. Vertrauen und Neugier entwickeln, selber bei der Geldanlage und Vorsorge aktiv zu werden. Es lohnt sich.»

Die Karotte vor der Nase

Was bringt junge Menschen sonst noch dazu, sich mit dem Thema der Vorsorge auseinanderzusetzen? Egli denkt nicht lange nach: «Wie man es schon immer gemacht hat. Die Karotte vor die Nase halten und aufzeigen, wie das Geld investiert werden kann, damit es sich auf Dauer lohnt.» Wenn er in seinem Umfeld sehe, dass sich solche Investitionen lohnen, ziehe das auch ihn mit.
Etwas Gutes hat hierbei die Corona-Pandemie: Laut einem Artikel der NZZ habe der Lockdown bewirkt, dass die junge Generation sich intensiver mit den eigenen Finanzen auseinandersetze. Die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, sei verstärkt worden.

Beiträge immer einzahlen und unbedingt prüfen, ob Lücken entstanden sind. Falls ja, diese so gut es geht schliessen. Nachzahlungen sind bis zu 5 Jahren möglich.
Silvia Villars, Vorsorgeberaterin

Gib dir einen Ruck – Optionen gibt es genug

Es gibt also viele Möglichkeiten, sich in frühen oder auch späteren Jahren um die eigene Vorsorge zu kümmern. Das oberste Gebot ist dabei, sich zu informieren und dranzubleiben. Villars rät, anhand eines Einnahmen-Ausgabeplans ein Budget zu erstellen und daraus den Sparanteil für die Vorsorge zu definieren. Im Alter zwischen 50 und 55 sollte dann die effektive Pensionsplanung angegangen werden. Dabei sollen der Pensionskassen-Ausweis, die bisherigen Vorsorgeleistungen und die Auswirkungen des Koordinationsabzuges zusammengetragen und geprüft werden, immer in Berücksichtigung der Wohnsituation und den Bedürfnissen nach der Pensionierung. Baldige Rentner*innen empielt sich, über die Möglichkeit eines Pensionskasseneinkaufs erkundigen. Betreffend der Säule 3a zählt es, die regelmässigen Einzahlungen zu nutzen und Wertschriftanlagen zu prüfen. Diese sind in Bezug auf die Steuern attraktiv und das Renditepotential ist im Vergleich zur klassischen 3. Säule höher.

Auf dem Portal der Schweizer Behörden gibt es offizielle Informationen und Antworten auf die meistgestellten Fragen. Das Online-Portal informiert in fünf verschiedenen Sprachen zu allgemeinen und spezifischen Themenbereiche wie der Altersvorsorge in der Schweiz. Weitere Auskunft zu Sozialversicherungen der ersten Säule sowie Merkblätter und Ansprechpartner*innen sind auch bei der Informationsstelle AHV/ IV zu finden. Um zu überprüfen, ob in der AHV und Pensionskasse Lücken entstanden sind, kann hier der AHV Kontoauszug bestellt werden. Ist das der Fall, diese direkt nachzahlen und sie so gut es geht schliessen. Möglich sind Nachzahlungen der vergangenen fünf Jahre.

Auch unabhängige Vorsorge-, Budget- und Rechtsberatungen helfen, sich im Thema besser zurechtzufinden um die eigene Vorsorge sorgfältig planen zu können. Die Vorteile liegen hier zum einen im persönlichen Kontakt, zum anderen darin, dass die ungeklärten Fragen schneller und einfacher erklärt werden können. Die unabhängige Vorsorgeberatung der Frauenzentrale Zürich bietet Frauen mit einem geringen Einkommen einen Spezialpreis an.

Liegt die Hemmschwelle für einen Besuch bei der Vorsorgeberatung noch zu hoch, gibt es unzählige weitere Online-Tools, um sich zu informieren. Um speziell Frauen in ihrer finanziellen Unabhängigkeit zu unterstützen, bieten Seiten wie Madame Moneypenny oder Smart Purse kostenlose Tipps und Podcasts an. Auch Banken verweisen immer öfters auf die 3. Säule ausgerichtete Apps, mit denen schnell und einfach individuelle Vorsorgekonti eröffnet werden können. Hier gibt es eine Übersicht über die Vorsorge-Apps für die zweite und dritte Säule.

Die individuelle Vorsorge verlangt eine gewisse Kenntnis über die eigenen Präferenzen und Möglichkeiten, die es gibt. Auch benötigt es einen Plan zur Umsetzung, das ist nicht abzustreiten. Der Eintritt in ein neues Gebiet ist aber bekanntlich immer am schwersten. Wichtig ist darum, sich mutig auf das Ganze einzulassen. Nicht zu vergessen: Rede darüber! So verlierst du die Berührungsängste und es eröffnen sich neue Sichtweisen auf das Thema. Und wenn du bis hierhin gelesen hast, ist der erste Schritt in die Welt der Vorsorge bereits geschafft.

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