Andy meets Warhol – Der einsame Kunstblogger der digitalen Herzen

Er ist Kunstblogger und arbeitet für McDonalds: Influencer «Andy meets Warhol» folgen Zehntausende auf Instagram. Seine Posts verbinden Kunst mit Kalendersprüchen.
20. November 2018

Andy Hermann ist Kunst-Influencer aus Zürich. In den sozialen Medien folgen ihm knapp 100'000 Personen. Für seine Instagram-Posts bekommt er mehrere Tausend Herzen. Das deutsche Kunstmagazin «Monopol» bezeichnete Andy als einer der besten, zeitgenössischen Kunst-Instagramer. Mit seinen Posts macht er den Spagat zwischen Memes und Mona Lisa.

Bevor Andy Kunstblogger wurde, arbeitete er in der Finanzbranche. Mit seinem Künstlernamen «Andy meets Warhol» bringt er seine Faszination für den «Pop Art»-Künstler Andy Warhol zum Ausdruck. Auf Fotos lacht Andy Hermann nie – das gehöre zur Marke.

Die Leute schauen heute immer und überall auf ihr Smartphone. Warum?

Vielleicht ist man heute öfters vom Gegenüber gelangweilt. Oder man fühlt sich allein. Ich stelle mein Smartphone auf Flugmodus, wenn ich mit jemandem unterwegs bin. Social Media ist eine zwiespältige Welt. Kürzlich habe ich zu einem Event in einem Londoner Hotel eingeladen: Kein Mensch ist aufgetaucht. Als ich online etwas dazu poste, bekomme ich 2000 Likes dafür – dabei sitze ich da alleine rum. Online populär zu sein, bedeutet noch gar nichts.

Eine Scheinwelt?

Ich habe mich auch schon etwas einsam und in einer Scheinwelt gefühlt. Die Digitale Welt eröffnet zwar viele Chancen, birgt aber auch Gefahren. Auf Social Media bin ich bekannt, das heisst aber nicht, dass ich viele Freunde habe. Mit vielen Leuten verkehre ich nur beruflich.

Aber gerade deine beliebtesten Instagram-Posts drücken diese Einsamkeit oft aus. Das ist doch paradox.

Ich will auch online authentisch und gebrechlich sein. Das inspiriert die Leute. Viele in meinem Alter wissen nicht genau, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen und fühlen sich alleine.

Ist die digitale Welt eine Gefahr für uns?

Ich will sie nicht schlecht reden. Social Media ermöglicht mir, mein Talent zu zeigen. Aber es führt auch dazu, dass man die echten Menschen, Lichter und Kunstwerke nicht mehr wahrnimmt. Jedes Mal, wenn ich im Tram einmal das Telefon stecken lasse, entdecke ich neue Gebäude. Man kann den Fokus wegen der digitalen Welt schnell verlieren.

Hattest du schon Schaffenskrisen?

Ja, Ende Juli dieses Jahres hatte ich die letzte. Plötzlich ging nichts mehr. Ich habe so viele Nachrichten bekommen und hatte das Gefühl, ich würde nur noch für meine Community leben. Ich habe mich gefragt, was mir im Leben wichtig ist. Also bin ich für einen Monat auf eine Insel gegangen und habe einfach alles ausgeschaltet. Ich habe wieder einmal ein Buch gelesen – das erste seit zehn Jahren.

Welches?

Das war «Ways of Curating» von Hans Ulrich Obrist (Anm. d. R.: Hans Ulrich Obrist ist ein weltweit renommierter Schweizer Kunst-Kurator). Er ist eine grosse Inspiration für mich. Ich kuratiere ja auch, doch für ein ganz anderes Publikum.

Und, wie wars auf der Insel?

Es war verrückt. Ohne Natel und Social Media nimmt man alles ganz anders wahr. Ich achte jetzt mehr auf die Offline-Welt. Man unterschätzt das, gerade die Generation Y. Als ich zurückgekommen bin, habe ich sieben E-Mail-Adressen für Online-Shopping, Facebook und so weiter gelöscht. Jetzt benutze ich nur noch eine Adresse.

Wie hast du zur Kunst gefunden?

Ich komme aus dem Investmentbanking in London. Da arbeitest du bis zwei oder drei Uhr in der Nacht. Man bekommt durch das soziale Umfeld eine Hirnwäsche. Die Kunst und Kreativität waren schon immer da, aber ich habe den Zugang lange nicht gefunden.

Hat dich das reine Business unglücklich gemacht?

Um ehrlich zu sein: Es ist auch nicht immer alles gut gelaufen. In der Finanzbranche wurde ich mehrmals entlassen. Ab und zu war ich unglücklich, aber ich will das Business nicht schlecht reden. Kann sein, dass es nicht meins war, aber ich habe daraus gelernt.

Also hast du die Banken-Welt verlassen?

Wenn man etwas nicht mit Herzblut macht, dann muss man das ändern. Zuerst habe ich in der Startup-Welt in London und Berlin begonnen. Jetzt bin ich zurück in Zürich und baue seit 2014 den Blog «Andy meets Warhol» auf. Die Idee für den Namen kam mir auf einem Roadtrip. Bei mir entsteht vieles spontan.

Was bedeuten Likes für dich?

Likes freuen mich. Wichtiger ist mir aber die Interaktion. Kommentare und Interaktion, das freut mich am meisten. Das ist das direkte Feedback der Community.

Du postest gesellschaftskritische Aussagen, zeigst die Einsamkeit der digitalen Welt auf, aber du fütterst damit das Datenmonster Instagram von Mark Zuckerberg. Wie passt das zusammen?

Andy Warhol war auch sehr kommerziell, aber durchdacht. Es ist ein Balance-Akt. Ich muss ja Geld verdienen. Ich mache nur Posts, die zu meinem Brand passen. Die Kunst ist nicht frei vom Kommerz. Jedes Museum hat einen Shop, jede Galerie muss verkaufen, um zu überleben.

Wie verdient man als Kunst-Blogger Geld?

Durch Werbekampagnen, ich arbeite mit Galerien zusammen, sie bezahlen mich, wenn ich ihre Vernissage poste. Museen bezahlen, wenn ich sie im Newsletter erwähne. Oder ich gehe ins Kunsthaus, lasse mich dort fotografieren und poste das Bild dann auf Social Media.

Lebt man gut davon?

Absolut. Ich mache nichts, an dem ich nichts verdiene. Da ich mich langfristig im Kunstbereich etablieren möchte, habe ich auch schon gut bezahlte Projekte abgewiesen, da sie nicht zu meiner Marke gepasst haben. Es ist wie gesagt ein Balance-Akt, beim Geldverdienen die Glaubwürdigkeit zu behalten. Ich arbeite auch noch einige Stunden pro Woche bei McDonald’s an der Löwenstrasse.

Bei McDonald’s?

Für viele ist das ein Schock. Ich bringe das Essen an den Tisch. Hin und wieder werde ich da als Kunst-Influencer erkannt und beim Namen gerufen. Die Arbeit macht mir Freude und es ist ein Nebenverdienst. Der Job hält mich auf dem Boden. Ein Influencer muss für Menschen aus allen Schichten offenbleiben.

Das ist doch ein Marketing-Gag!

Klar, ich bin das Aushängeschild. Ich serviere ja auch die Burger. Dabei trage ich eine normale McDonald’s Uniform. Man könnte kritisieren ich verkaufe mich, aber ich liebe die Marke. Ich mache nichts, hinter dem ich nicht stehe. Auch Andy Warhol liebte McDonald’s.

Und bekommst du den gleichen Lohn wie die anderen McDonald’s Verkäufer?

No comment.

Du bloggst über Picasso oder den Schweizer Musiker Bligg. Wie passt das zusammen?

Ich bin Kunstblogger aber hauptsächlich bin ich Unternehmer. Es ist crazy, wie sehr Bligg die Leute interessiert. Vor allem durch Suchmaschinen kommen da extrem viele Besucher*innen auf meine Seite. Ich teste, was gut ankommt.

Zurück zu deinem Spagat zwischen Pop und Malerei...

Kunst ist mein Schwerpunkt, mich interessieren aber Schnittstellen, beispielsweise eben auch zur Mode. Aber klar, man muss aufpassen, damit man die Grenze nicht überschreitet. Ich versuche, den jüngeren Leute mit leichter Kost die Kunst schmackhaft zu machen. Viele Leute waren noch nie in einem Museum oder einer Galerie. Da versuche ich zu inspirieren und das funktioniert.

Was ist Kunst?

Alles ist Kunst.

Wie findest du Memes?

Die finde ich geil. Da bringt man jungen Leuten Kunst näher. Das versuche ich auch, mit meinen Kanälen zu erreichen.

Wie steht es um die Schweizer Kunstszene?

Es gibt sehr viele Talente. Wir sind an einem guten Ort um sich zu etablieren. Ich will die ganz jungen Talente entdecken, ihnen eine Plattform bieten und auch von ihnen lernen.

Was verbindet Liebe und Kunst?

Es gibt keine Kunst ohne Liebe. Man sollte alles mit Liebe machen. Ich habe das Herz-Emoji in meinem Instagram-Namen. In Kommentaren benutze ich es am häufigsten – ich schenke meiner Community Liebe, denn jeder Mensch will geliebt werden.

Was bedeutet Zürich für dich?

Vielfalt! Ich finde, wir stehen London oder Berlin in nichts nach. Auf engem Raum gibt es so viel zu entdecken. Die Bahnhofstrasse mit den Luxusmarken und der Finanzwelt. Unweit davon leben Asylsuchende und Künstler*innen. Viele Leute unterschätzen Zürich, die Stadt ist im Wandel und das finde ich toll. Ich habe in Griechenland gelebt, in London studiert, aber Zürich ist meine Hood.

Was ist dein Traum?

Irgendwann will ich auch meine eigene Kunst präsentieren. Etwas von mir zeigen, das für immer sichtbar bleibt – nicht so wie Social Media Posts. Und noch etwas: Irgendwann möchte ich Bruno Bischofsberger, den ehemaligen Galeristen von Andy Warhol besuchen. Der 78-jährige hat eine Galerie mit Bildern von Warhol in Männedorf. Vielleicht schreibe ich ihm einmal eine handgeschriebene Karte.

Abonniere unsere Artikel über Mail, WhatsApp, Telegram oder Facebook Messenger!

Tsüri-Mail

Trage dich hier für den Newsletter ein.

Diese Rubriken interessieren mich:
<

Whatsapp

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Whatsapp-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button, speichere unsere Nummer und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Facebook-Messenger

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Facebook-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klickte auf den Button und sende das Wort «Start» an uns. Schon geht's los.

Telegram

Jetzt auf dem Laufenden bleiben. Unser Telegram-Channel sendet dir die neusten Beiträge direkt auf dein Handy

Klicke auf den Button. Schon geht's los.

Member reden mit: Bewerte hier diesen Beitrag mit 1 bis 5 Punkten und entscheide so über das Honorar für den / die Journalist*in mit.
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht