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Andri wach im Backstage. Wenn wir nicht da sind, gönnt er sich hier auch mal ein Nickerchen. Foto: Emilio Masullo

Andri Weidmann: Kosmonaut, Gamer und Tsüri-Member

Andri war mal Buchhändler. Doch dann ist er im Kosmos gelandet. Hier probiert er seine Leidenschaft Gamen einem grösseren Publikum näher zu bringen. Nicht ganz einfach. Mit seinen kreativen Veranstaltungsformaten hat er aber schon einige Personen vom Gegenteil überzeugt.
22. Oktober 2020
Praktikant Civic-Media

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«Treffen wir uns im Kosmos» – einen genauen Treffpunkt hat mir der 25-Jährige Andri Weidmann nicht genannt. Von der Person an der Kinokasse bekomme ich den Tipp, einfach einmal durch das ganze Haus zu schlendern. Ich mache mich auf die Suche.

Der Kulturtempel Kosmos beherbergt sechs Kinosäle, ein Veranstaltungsforum, ein Bistro, einen Buchsalon, eine bediente Piazza, einen Klub mit Bar, Auditorien und einen grünen Innenhof. Andri ist in diesem Universum seit 2018 zu Hause. Ihn hier zu finden, ist gar nicht so einfach. Ich gehe durch den Buchsalon, wo Menschen an ihren Laptops arbeiten und andere gerade ein Buch kaufen. Auf der Treppe, wo bei Veranstaltungen abends das Publikum sitzt, wird Kaffee getrunken. Nach ein paar Minuten treffe ich Andri schlussendlich im Bistro an. Obwohl Bistro bedeutet nicht gleich Bistro. Der Ort wurde am Vorabend noch als Bühne für das 100. Kosmopolitics genutzt. Ein wandelnder Kosmos.

Im Haus scheinen sich alle gut zu kennen. Die Bedienung fragt Andri nach dem gestrigen Tag. «Es war ein sehr guter Tag für das Kosmos. Die Tagesschau hat in der Hauptausgabe einen Beitrag über eine Veranstaltung gesendet und das gestrige Kosmopolitics war ein voller Erfolg. Wir mussten den Anlass sogar in einen anderen Raum streamen». Andri wirkt zufrieden und entspannt, obwohl momentan viel los sei und wegen der aktuellen Situation viel umorganisiert werden muss.

Eine Tsüri-Membership lag nicht drin

Andri erzählt, dass er den Drang hatte, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Darum sei er heute hier. Eigentlich hat er eine Lehre als Buchhändler gemacht. Doch schon während der Ausbildung, war er für eine ganze Abteilung bei Orell Füssli verantwortlich. Er wollte mehr. «Ich hätte mich als Buchhändler nicht mehr weiterentwickeln können. Höchstens noch Filialleiter. Doch dann wäre Schluss gewesen», begründet Andri seine Entscheidung, neue Wege einzuschlagen. Gesagt, getan. Andri bewarb sich für ein Praktikum im Kosmos.

Als er 2018 angefangen hat im Kosmos zu arbeiten, kam er bei einer Pitch-Night das erste Mal mit Tsüri.ch in Kontakt. Obwohl er das Stadtmagazin und die Menschen seit dem ersten Aufeinandertreffen sehr mochte, lag eine Membership finanziell noch nicht drin. Grund: Praktikant*innenlohn. Seraina, die bei Tsüri.ch für die Community zuständig ist, habe nach dem genauen Enddatum seines Praktikums gefragt und sich dieses anscheinend sehr gut gemerkt. Denn sobald das Praktikum zu Ende war, habe sie sofort wieder nachgehakt. Mit Erfolg. Es wird vermutet, dass sie heimlich eine Nachfrage-Liste führt (Anmerkung der Redaktion: Tut sie nicht). «Ich konnte nach meinem Praktikum gleich bleiben. Sie haben mich hier gebraucht», erzählt er mit einem Lächeln. Gut für ihn. Gut für uns. Plus 1 Member.

Assistenz bitte einmal streichen

Vom Praktikanten zur Assistenz Veranstaltung. Doch schon bald durfte auch das Wort «Assistenz» gestrichen werden. Seine momentane Berufsbezeichnung lautet Veranstalter und Communitymanager. Die Namen seiner Berufsbezeichnungen haben sich geändert, nicht so seine Bemühungen, Games in Kulturhäusern einen festen Platz zu geben. Für dieses Anliegen hat er mit seiner Freundin den Verein «Games=Kultur» gegründet, der sich genau dafür einsetzt. «In Kulturhäusern kommen verschiedenste Sparten zusammen. Doch Games wurden bis heute vergessen, obwohl drei Viertel aller jungen Menschen in der Schweiz regelmässig Videospiele spielen.» Andri sieht ein riesiges Potenzial darin und könnte noch etliche Argumente auf den Tisch bringen. Eines davon erstaunt auch ihn:

Games machen weltweit mehr Umsatz als die Film- und Musikindustrie zusammen.
Andri Weidmann

Das Problem sei aber, dass es noch keine etablierten Veranstaltungskonzepte für Games gibt. Bei einer Lesung oder einem Podium sei klar, welches Format das Publikum erwartet. Nicht so bei Games. Es brauche einfach Kreativität, damit Games in die Kulturlandschaft eingebunden werden. Und Kreativität hat er. Er hat es kürzlich geschafft, dass verschiedene Politiker*innen gemeinsam das neue Game «Democratia» spielen und gleichzeitig über Demokratie sprechen. Dafür brauche es kein Podium. Es gehe auch so und macht zudem noch mehr Spass zuzuschauen. Dieses Podium war dem SRF dann auch einen Beitrag in der Tagesschau wert.

Veranstaltungen neu denken

Neue Veranstaltungsformate zu erfinden, ist Andris Leidenschaft. Dies ist besonders in dieser ungewissen Zeit gefragt, wo sowieso alles anders kommt als man denkt. So werden zum Beispiel Filmveröffentlichungen verschoben oder gar nur als Stream erscheinen. «In unseren Kinosälen haben wir aber die beste Multimediatechnik. Hier müssen nicht unbedingt Filme gezeigt werden. Wir könnten auch Game-Events durchführen», denkt Andri laut. Vielleicht schon bald Realität? Wir werden es sehen.

Er denkt nicht nur neu, er setzt es auch um. Ein Anlass, der ihm besonders in Erinnerung bleibt, ist ein Kosmopolitics mit dem Titel «China - Lass dich überwachen». Die Besucher*innen haben gedacht, dass sie eine Diskussion zum Social-Credit-System erwartet. Doch Andri hat sich die Mühe genommen, zu allen 200 Personen, die sich für den Anlass angemeldet haben, möglichst viele Informationen zu sammeln. Die Diskussion war schlussendlich nur ein kleiner Teil des Abends. Nach 15 Minuten ging im Saal ein Alarm los, über die Leinwand wurden Fotos von fast allen Personen gezeigt und immer wieder wurde bei einem Bild gestoppt und erzählt, was man über diese Person im World Wide Web findet. Die Menschen verliessen am Ende der Veranstaltung den Saal erstaunt und geschockt zugleich.

«Mehr kann ich dir noch nicht erzählen...»

«Ich bin selber gespannt, wie das Kosmos in fünf Jahren aussehen wird», erzählt Andri. Er möchte neue Formate ausprobieren, scheitern, wieder von neuem anfangen und am Schluss die Leute überzeugen. Dies braucht Zeit. Doch die hat er, denn er möchte das Kosmos in den nächsten Jahren weiter mitprägen und verschiedenste Menschen zusammenbringen. Ihm schwirrt schon ein nächstes grösseres Projekt zu Verschwörungstheorien im Kopf herum. Mehr könne er mir aber im Moment noch nicht erzählen. Seine Ideenkiste scheint gross zu sein.

Es ist immer viel los im Leben von Andri. Wenn er aber mal Zeit für sich braucht, zieht er sich in den Backstageraum zurück, wo er sich auch schon das eine oder andere Nickerchen gegönnt hat. Er führt mich vom goldigen Backstageraum durch ein graues Treppenhaus nach draussen. Ich stehe wieder an der Lagerstrasse. Der Kosmos hat mich wieder ausgespuckt. Ich komme gerne zurück.

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