Am Rigiblick hört man jetzt Punkrock – Wie eine WG das Quartier aufwirbelt

Zu Besuch bei Zürichs coolster WG
29. Februar 2016


Es ist kein Geheimnis, dass der Wohnungsmarkt in Zürich ein hartes Pflaster ist. Zu wenige und zu teure Wohnungen bringen viele Menschen an den Rand der Verzweiflung. Als Gegenkultur bilden sich immer häufiger alternative Wohnprojekte, die das klassische Konzept des «Wohnens» aufwirbeln.

Der WG 331, die über zehn Jahre an der Nordstrasse zu finden war, ist vor allem die Gemeinschaft wichtig. Im alten Bauernhaus wohnten über 14 Menschen, doch das war den Leuten einfach zu wenig. Darum suchten sie nach einem Weg, um mehr Mitmenschen miteinander zu verbinden. In jedem Sommer verwandelte sich ihr Garten zum Geheimtipp «Kafi Duzis», wo Fremde schnell zu Freunden wurden. Trotz der soziokulturellen Aufwertung des Quartiers durch die vielen Projekte des Kollektivs, mussten sie einem Neubau weichen. Nun sind sie in ein neues Haus in einem neuen Viertel eingezogen und wir durften sie besuchen.

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An der Huttenstrasse, in der Nähe der Seilbahn-Riggiblick, findet sich das Kleinod. Von aussen ist «die Hutte», wie sie liebevoll genannt wird, kaum von den anderen gehobenen Häusern zu unterscheiden. Tritt man jedoch ein, begibt man sich in eine verschrobene Welt, die aus einem Wes Anderson Film entsprungen sein könnte.

Als wir an einem sonnigen Samstag an die Tür klopfen, werden wir von viel Lärm und Gerümpel begrüsst – in der Hutte wird fleissig gearbeitet. Auf vier Stockwerken wird gehämmert, gemalt und ein neuer Geschirrspüler soll auch eingebaut werden. «Es ist gerade WG-Tag, da arbeiten wir alle zusammen am Haus» erzählt uns Simon, der gerade eine Lampe montiert. Fröhlich erklärt er uns, was heute noch alles gemacht werden muss und erst nach zehn Minuten fragt er: «Sagt mal, wer seid ihr eigentlich?»

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Das Vertrauen in die Menschen und der Wunsch nach mehr  «Community» wird in der Hutte gross geschrieben. Während wir Stock für Stock das Haus, das früher ETH-Büros beheimatete, erkunden, werden wir von motivierten jungen Kreativen begrüsst. Prompt werden wir zum Essen eingeladen und bekommen so einen Einblick in das Alltagsleben einer 14er WG, die sich nicht nur durch die Anzahl Mitbewohner von anderen Wohngemeinschaften unterscheidet.




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Severin Miszkiewicz (Tsüri): Hallohallo, vielen Dank, dass ihr euch Zeit nehmt. Könnt ihr eure WG kurz vorstellen? Suse (Bildredaktorin): Wir sind eigentlich genau das Gegenteil von einer Zwecks-WG. Es geht sehr fest darum, dass wir Bock haben, miteinander Zeit zu verbringen. Wir haben regelmässig WG-Tage, wie heute, wo wir am Haus bauen, zusammen Essen gehen oder wegfahren. Ich habe mein ganzes Leben lang in WG’s gewohnt und es waren immer mehr oder weniger Zwecksgemeinschaften. Wenn man jung ist, studiert und kein Geld hat, ist es durchaus sinnvoll so zu wohnen. Aber die Form, für die wir uns hier entschieden haben, hat mehr einen familiären Gedanken.

Michi (Sozialarbeiter): Für viele von uns ist es mehr als nur wohnen. Ich konnte mir am Anfang auch nicht richtig vorstellen, in einer Riesen-WG zu wohnen. Wenn Dinge wie das Kafi Duzis oder andere kreative Projekte entstehen, ist das einfach geil. Es gibt Wohnprojekte wie das Zwickiareal oder Hunzicker, die eigentlich auch das gleiche machen, halt auf einer professionellen Schiene. Offenbar ist es ein Bedürfnis der Leute.

Ihr habt alle einen christlichen Background, richtig? Michi: Die meisten haben tatsächlich einen christlichen Background. Aber ich würde nicht sagen, dass wir eine christliche WG sind. Es ist überhaupt keine Voraussetzung, dass du an Gott glaubst, um bei uns zu wohnen. Trotzdem prägt der Glaube schon unseren Alltag, unter anderem bei Komunikationsthemen oder respektvollem Umgang.

Kommt der Community-Gedanke auch aus dem Glauben? Michi: Auch ja, das sind natürlich nicht rein christliche Werte, aber uns ist das schon sehr wichtig. Ich würde uns aber nicht als religiös bezeichnen. Wir reden hier nicht oft über Regeln, es geht uns mehr um Werte und Einstellungen, die für uns eine Rolle spielen. Es geht nicht um irgendeine Institution, sondern viel mehr um Persönliches.

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Ihr musstet im September 2015 aus eurer alten WG raus. Wie lange musstet ihr nach einem neuen Haus suchen? Michi: Wir haben eine kleine Kommission gegründet, sind mit Skateboards durch die Stadt gefahren und haben nach passenden Objekten gesucht. Nach dreiviertel Jahren wurden wir fündig. Simon (Sozialarbeiter): Wir haben uns dann bei der Liegenschaftsverwaltung Zürich gemeldet und gesagt: ‘Ihr kennt uns jetzt langsam und wisst, dass wir vertrauenswürdig sind. Wir wären wirklich an einem Gebäude interessiert.’ Dann haben sie sich gemeldet und uns diese Liegenschaft für ein Jahr angeboten. Suse: Da das alles alte ETH-Büros waren, mussten wir aber alles selber umbauen. Wir konnten uns gar nicht vorstellen wie man hier wohnen kann, aber waren unglaublich dankbar. Michi: Am Anfang gab es Diskussionen, ob sich der ganze Aufwand lohnt, weil wir ja eh nur ein Jahr hier drin sind. Aber das ist ja auch irgendwie der Preis den man zahlt, um in Zürich so zu wohnen. Vielleicht ist es etwas unsinnig, aber wenn alle einen ganzen Samstag (wie heute) investieren, dann kann man sehr viel fertig bringen.

Gut, dass du das ansprichst, wieso könnt ihr  das alles? Simon: Wir fangen einfach mal an und verteilten die Aufgaben. Wenn es nicht geht, kommt schon jemand anderer und kann aushelfen. Wir haben hier ja nicht nur Sozis im Haus, sondern auch Schreiner, Holzbautechniker, natürlich viele Künstler, Grafiker, Operationsassistenten. Wir wollen nicht eine WG sein, in der es nur Mathematiker gibt, oder nur Künstler, sondern unterschiedliche Leute die sich gegenseitig inspirieren. Michi: Ich glaube, das ist einfach unser Groove. Du machst einfach Dinge! Es häufen sich unzählige Ideen an und plötzlich macht’s BAM und du baust wieder was Neues!




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Habt ihr in der Hutte auch Projekte wie das Kafi Duzis im Sinn? Simon: Wir haben schon ein Festli gemacht, das war aber eher für die Nachbarn. Da sind dann auch sehr viele gekommen und sie haben sich sehr gefreut. Mein schönster Moment war, als ein Teenager Mädchen gesagt hat: ‘Ach cool, jetzt lernen wir endlich mal all unsere Nachbarn kennen.’ Sie hat aber nicht uns gemeint, sondern die Leute, die hier seit 30 Jahren leben. Michi: In Zürich macht man solche Sachen einfach nicht mehr, dabei ist es doch so geil! Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Wir sind hier leider sehr eingeschränkt, um ein grösseres Event zu machen. Wir werden bestimmt weiter unsere Nachbarn einladen, aber für eine grössere Öffentlichkeit hat es wohl leider zu wenig Platz. Wir werden aber bestimmt am Dachterassentag mitmachen.

Das Mietverhältnis ist bis September 2016 befristet – also schon ziemlich bald. Was macht ihr danach? Michi: Also wenn wir in der Stadt wirklich nichts finden, wären die meisten bereit, auch aus der Stadt zu gehen, das wäre dann aber die Notlösung. Wir haben jetzt bis ins neue Jahr gewartet, sind aber wieder dran und hören uns um. Eine Task Force schaut die verschiedenen Objekte an. Unser Ziel ist es wirklich, Sachen in Zürich anzureissen und diese Orte und die Umgebung tatkräftig mitzuprägen. Aus diesem Grund suchen wir dringend etwas in der Stadt. Es ist aber wirklich richtig, richtig schwierig etwas zu finden ...




Text: Severin Miszkiewicz Bilder: Miklos Klaus Rozsa

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