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Am Freitag startet die Frauen-WM – und niemanden interessierts

Wie sollte es auch, wenn niemand darüber berichtet?
06. Juni 2019

Am 7. Juni eröffnen die französischen Gastgeberinnen gegen Korea die Frauen-Fussball-WM im Pariser Stadion «Parc des Princes» vor 48’000 Zuschauer*innen. In Paris ist fast jedes Hotel- und Hostelbett ausgebucht. Die Grande Nation ist aus dem Häuschen. Und hier in der Schweiz? Hier fragt man sich zu Recht, ob es eigentlich überhaupt eine Frauen-WM gibt. Auf der Themenseite «Fussball» des SRF wird die Frauen-WM aktuell mit keinem Wort erwähnt. Die Anzahl Artikel von Schweizer Zeitungen, die sich der Frauenfussball-WM widmen, lässt sich an einer Hand abzählen.

Liebes SRF, es reicht!

Am Dienstag platzte Fussballerin und Politikerin Sarah Akanji der Kragen. Gegenüber dem Nachrichtenportal Nau forderte sie, dass das SRF als öffentlich-rechtlicher Sender alle Spiele der Frauen-WM überträgt. Dem ist nämlich nicht so, obwohl das SRF die Rechte dazu besitzt. Die Nationalrät*innen Mattea Meyer und Cédric Wermuth haben eine Online-Petition gestartet, um dies zu ändern.

Das SRF schiebt die Schuld dreist den Nationalspielerinnen zu – die Schweizerinnen hätten sich leider nicht qualifiziert, deshalb zeige man nicht alle Spiele.

Manche Partien würden überdies im unkommentierten Live-Stream gezeigt, verteidigte sich das SRF. Eine Übersicht dazu ist jedoch nirgends zu finden. Man stelle sich einmal vor, das SRF hätte die Männer-WM nicht übertragen, als das Schweizer Nationalteam noch nicht so gut spielte wie heute. Seit wann interessiert Sport nur, wenn die Schweiz gewinnen kann?

Hätten sich die Schweizerinnen qualifiziert, hätte man mehr gezeigt. «Hätte, hätte, Fahrradkette» sagt man so schön. Fakt ist: Das SRF zeigt einzig das Eröffnungsspiel, die Halbfinals und das Finale – kommentiert werden die Spiele von einem Mann. Lieber Andy Egli, wie wäre es gewesen, eine Frau mit ins Boot zu holen?

Die Schweizerinnen unterlagen im letzten Spiel der WM-Qualifikation den Favoritinnen aus den Niederlanden.

«Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze»

Die Deutschen machen es zum Glück besser – in jeglicher Hinsicht. Dort berichten die Medien, ARD und ZDF zeigen alle Spiele live oder übertragen sie im Live-Stream mit Kommentar. Vorbildlich sind sie auch, was die Einbindung von Frauen betrifft. Beide Sender haben immerhin gemischte Moderationsteams, auf ZDF werden diese von ehemaligen Nationalspielerinnen unterstützt. Ausserdem gibt es eine Übersicht, wo man wann welches Spiel schauen kann. Auch sonst bieten die Zeitungen und Online-Portale bereits im Vorfeld Informationen und Hintergrundgeschichten rund um die Frauen-WM an. Dass Deutschland in Sachen Frauenfussball schon viel weiter ist als wir, zeigt auch das Werbevideo des deutschen Nationalteams der Frauen im Auftrag ihres Sponsors Kommerzbank. In 90 Sekunden zeigt es auf äusserst humorvolle Art und Weise auf, mit welchen Vorurteilen der Frauenfussball noch immer zu kämpfen hat. Die Pointe «Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze» ist dabei nur eines von vielen Highlights.

Auf SRF strahlte man am Dienstagabend derweilen einen «Club» zum Thema Fussball aus mit sechs mehrheitlich älteren Männern plus der FCZ- und Nationalspielerin Meriame Terchoun als Gäste. Beni Turnheers Spruch «Man könnte die Offside-Regel im Frauenfussball abschaffen» hätte gut in den Clip gepasst. Sein Klatschen und «Bravo» nach dem Einspieler von Terchouns Tor für das Nationalteam auch. Nicht lange ist es her, dass besagter Turnheer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen «Benissimo» moderierte – eine Sendung, bei der Frauen vor allem als Dekoration mit dabei waren.

Ein Traum wird wahr

Doch nicht alles ist negativ. Im letzten Sommer schrieb ich in einem Artikel zu ebendiesem Thema von dem kühnen Traum, dass wir eines Tages der Frauenfussball-WM als Public-Viewing-Event beiwohnen können. Und siehe da – ein Jahr später ist es so weit.

Die Stadt Genf betreibt während der Frauen-WM eine Fanzone. Die Nähe zu Frankreich war da sicher hilfreich. Doch auch in Bern werden dieses Jahr erstmals alle Spiele der Frauen-WM als Public-Viewing-Event im Kulturzentrum Progr gezeigt. Initiiert hat das Ganze die YB-Spielerin Meret Wälti. Ihre Schwester Lia Wälti, die bei keinem geringeren Team als Arsenal sowie im Nationalteam spielt, holte sie für eine Podiumsdiskussion gleich mit ins Boot. Ausserdem konnte Wälti fünf weitere Berner Bars überzeugen, alle Spiele der Frauen-WM auszustrahlen. Und da sagt noch jemand, die Berner*innen seien langsam?

Liebe Zürcher Bars und Gartenrestaurants, ist unsere Stadt wirklich so zurückgeblieben? Warum zeigt ihre die Spiele der Frauen-WM nicht?

Nationalspielerin und Interims-Kapitänin Lia Wälti, die für Arsenal London spielt.

Alle Bilder stammen von Laura Kaufmann.

Redaktorin und Fotografin

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