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Illustration: Artemisia Astolfi

Alternative Beziehungsformen: «Langfristig funktioniert das nicht»

Unsere Kolumnistin lebt alternative Beziehungsformen – und wird oft mit der Frage konfrontiert, ob das langfristig funktioniert. Sie findet: «Flüchtige Gefühle der Verliebtheit und sexueller Lust stehen ja eigentlich im direkten Widerspruch zu jahrelanger Alltäglichkeit. Absurderweise gilt die monogame Liebesbeziehung trotzdem als das Nonplusultra aller Beziehungen.»
26. Juni 2021
Gründerin untamed.love

«Langfristig funktioniert das nicht.» Da ist er wieder, dieser Satz, den ich so oft höre und auf den ich so selten eingehe. Den Satz, den mir Leute gerne an den Kopf werfen, wenn ich erzähle, dass ich alternative Beziehungsformen lebe. «Ähm ja, funktioniert ganz gut bis jetzt», antworte ich meistens und wechsle dann das Thema. Ich finde es nicht besonders anständig, den Lebensentwurf einer anderen Person sofort zu bewerten, ohne mehr darüber zu wissen und habe meistens keine Lust mich zu erklären. Dabei könnte ich dazu ziemlich viel sagen.

Zum Beispiel könnte ich entgegnen, dass monogame Beziehungen in der Regel auch nicht langfristig funktionieren. Wer auch immer erfunden hat, dass langanhaltende Beziehungen aus Momenten der Anziehung entstehen sollen, hat uns ganz schön in die Pfanne gehauen. Flüchtige Gefühle der Verliebtheit und sexueller Lust stehen ja eigentlich im direkten Widerspruch zu jahrelanger Alltäglichkeit. Absurderweise gilt die langandauernde monogame Liebesbeziehung trotzdem als das Nonplusultra aller Beziehungen. Ohne die man als gescheitert gilt. Ohne die einem bestimmt etwas fehlt. Ohne die man selber defizitär wird, offensichtlich nicht liebenswert genug. Der Glaube an das perfekte Gegenüber, das uns vervollständigt, hält sich hartnäckig obwohl das happily ever after für die wenigsten funktioniert.

Oft sind es Freundschaften, die uns mit Sicherheit, Stabilität und Langfristigkeit in unserem Beziehungskosmos versorgen.
Jessica Sigerist

An dieser Stelle könnte ich einwerfen, dass meine längste Liebesbeziehung bereits 17 Jahre dauert. Länger als die Liebesbeziehungen der meisten monogamen Menschen in meinem Alter. Dann hätte ich den Wettbewerb um die längste Liebesbeziehung gewonnen. Aber darum geht es nicht. Viel lieber würde ich zurückfragen: Ist Langfristigkeit denn wirklich das wichtigste Qualitätsmerkmal einer Beziehung?

Die meisten Ehen werden heutzutage nicht mehr durch den Tod geschieden, sondern durch die Eheleute selbst. Was ziemlich cool ist, denn ausser ein paar religiösen Fundamentalist:innen wünscht sich niemand die Zeit zurück, in der man tatsächlich bis ans Lebensende in einer Beziehung verharren musste, die man eigentlich gar nicht mehr führen will. Also vielleicht doch lieber eine tolle kurze Liebesbeziehung als eine, die einen langfristig unglücklich macht? Wenn es einen Wettbewerb um die beste Beziehung gäbe, liesse er sich bestimmt nicht allein durch die Dauer entscheiden.

Klar: Langfristige, stabile Beziehung sind wichtig für das menschliche Wohlbefinden. Aber es müssen nicht zwangsläufig romantische Beziehungen sein. Oft sind es Freundschaften, die uns mit Sicherheit, Stabilität und Langfristigkeit in unserem Beziehungskosmos versorgen. Freundschaften, die länger halten als wechselnde Liebesbeziehungen – das ist die Lebensrealität vieler Menschen.

Trotzdem ist die Frage: «Na, wie lange seid ihr schon zusammen?» in den allermeisten Fälle an Paare gerichtet. Wie lange meine beste Freundinnen und ich schon zusammen durchs Leben gehen, das werden wir viel seltener gefragt. Während Paare ihre Kennenlerngeschichte oft bis ins letzte Detail ausschmücken und bei jeder Gelegenheit zum Besten geben, machen das bei Freundschaften die wenigsten. Wer von euch feiert einen Freundschaftsjahrestag?

Sollte man auf etwas Schönes verzichten, bloss weil es nicht für immer ist?
Jessica Sigerist

Ich könnte nun ausführen, dass ich genau deshalb alternative Beziehungsformen lebe. Weil ich Freundschaftsjahrestage feiern und mich Hals über Kopf in Liebensabenteuer stürzen will, die nur eine Nacht dauern. Weil ich nicht nach normativen Regeln leben will, sondern meine Beziehungen individuell gestalten. Manche sind romantisch und manche freundschaftlich, manche beinhalten Sexualität und mache nicht. Und manchmal ändert sich das. Da gibt es die Ferienliebe, die ich seit unserer Romanze alle ein bis zwei Jahre treffe und mit der ich jedes Mal aufs Neue herausfinde, ob wir uns wieder verlieben oder nicht. Da gibt es die wilde Affäre, die mittlerweile eine enge Freundin geworden ist.

Da gibt es Menschen, mit denen ich nur vierundzwanzig Stunden verbracht habe, die ich immer noch im Herzen trage. Denn unsere Beziehung bestand aus einem Anfang, einer tolle Zeit und einem Ende, das für beide gepasst hat. Wenn ich mich nach sechs Monaten von jemanden trenne oder nach 17 Jahren oder nach 33, dann sagt das nichts über die Qualität der Zeit aus, die wir miteinander verbracht haben. Sehr kurze Beziehungen haben mich schon sehr glücklich gemacht. Sehr lange auch. Sollte man auf etwas Schönes verzichten, bloss weil es nicht für immer ist?

«Langfristig funktioniert das nicht», sagst du, aber heute habe ich keine Lust, dir meine Welt zu erklären. «Funktioniert ganz gut bis jetzt, danke», sage ich nur. Und wenn es das morgen vielleicht nicht mehr tut, hält mich das nicht davon ab, heute genauso zu lieben, wie ich will.

Kolumnistin Jessica Sigerist
Jessica Sigerist ist Zürich geboren und aufgewachsen. Sie wusste schon früh, woher die Babys kommen. In ihrer Jugend sammelte sie schöne Notizbücher, alte Kinokarten und Zungenküsse. Sie studierte Ethnologie (halbmotiviert) und das Nachtleben Zürichs (intensiv). Nach vielen Jahren in der Sozialen Arbeit hatte sie die Nase voll, nicht vom Sozialen, aber von der Arbeit. Sie packte wenig Dinge und viel Liebe in einen alten Fiat Panda und reiste kreuz und quer durch die Welt. Sie ritt auf einem Yak über das Pamirgebirge, überquerte das kaspische Meer in einem Kargoschiff und blieb im Dschungel von Sierra Leone im Schlamm stecken.

Auf ihren Reisen von Zürich nach Vladivostock, von Tokio nach Isla de Mujeres, von Tanger nach Kapstadt lernte sie, dass alle Menschen eigentlich dasselbe wollen und dass die Welt den Mutigen gehört. Wieder zurück beschloss sie, selbst mutig zu sein und gründete den ersten queer-feministischen Sexshop der Schweiz. Seither beglückt sie Menschen mit Sex Toys und macht lustige Internetvideos zu Analsex, Gleitmittel und Masturbation. Jessica liebt genderneutrale Sex Toys, Sonne auf nackter Haut und die Verbindung von Politik und Sexualität. Sie ist queer und glaubt, dass Liebe grösser wird, wenn man sie teilt. Mit ihrem Partner und ihrem Kind lebt sie in Zürich.

Bild: Elio Donauer

Kolumnen-Serie
Sie glauben, dass diese Welt ein anderer Ort wäre, würde jede:r von uns etwas kritischer mitdenken. Schubladen? Nein Danke. Sie fordern mehr Daseinsberechtigung von ambivalenten Zuständen. Ein bisschen mehr fragen und weniger annehmen. Und neue Kästchen zum ankreuzen auf den Online-Formularen dieser Stadt, in der sie alle leben und lieben. Unsere drei neuen Kolumnistinnen Jessica Sigerist, Gründerin des Sexshops untamed.love, Andrea Pramor und Alex Büchi vom Zentrum für kritisches Denken sowie die Filmschaffende Sophie Blöchlinger werden an dieser Stelle jeden Samstag (mit Ausnahme des Letzten des Monats) ihre ganz persönlichen Geschichten mit dir teilen.

1. Wie soll ich's den Kindern sagen?
2. Zwei gescheiterte Romantikerinnen rechnen ab
3. «Es gibt mich sehr wohl»
4. Meine monogame Freundin
5. Niemand ist Single
6. «Vielleicht braucht es mehr Hinsehen, bevor man schade sagt»
7. «Wie ist das denn so mit dir und den Männern?»
8. Ich bin bi
9. Alternative Beziehungsformen: «Langfristig funktioniert das nicht»
10. Die Sache mit den Erwartungen

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