Tsüri-Fäscht 🕺🏽💃🏽

Die Autorin Lubna Abou-Kheir am Zürichsee (Bild: zvg)

«Als unabhängige Frau bin ich es mir gewohnt, dass ich mich erklären muss. Ich bin kein Stereotyp.»

Präsentiert von Theater Neumarkt
Seit über drei Jahren lebt die syrische Schauspielerin und Autorin Lubna Abou-Kheir in der Schweiz. Ab dem 1. November ist im Theater Neumarkt ihr erstes auf Deutsch geschriebenes Stück zu hören und zu sehen. Wir haben Sie zum Interview getroffen.
29. Oktober 2019

Im Programm des Neumarkt wirst du als «Neu-Zürcherin» bezeichnet. Wie lange bist du schon hier?

Früher habe ich bei meiner Familie in Damaskus gelebt. Als dies für nicht mehr auszuhalten war, reiste ich via den Libanon in die Schweiz. Das war vor drei Jahren. In Zürich lebe ich aber erst seit drei Monaten, davor war ich in Solothurn.

Wie hast du diesen Prozess erlebt des Ankommens in Zürich erlebt?

Die nächste Stadt nach Damaskus war Zürich; und ich liebe diese Stadt, sie hat schon jetzt einen Platz in meinem Herzen. Es ist allerdings nicht ganz einfach, hier neue Menschen kennen zu lernen. Doch ich gehe dies aktiv an und habe den Vorteil, dass ich alleine und frei bin. Ich habe noch überall gute Freund*innen gefunden!

Immer wieder kommen aus fast der ganzen Welt neue Menschen hier bei uns an. Welche Tipps gibst du ihnen für ein eine gute Akklimation?

Es ist wichtig, selbstbewusst zu sein und aktiv auf die Menschen zuzugehen. Die Geflüchteten müssen ein Ziel haben. Irgendetwas persönliches, das sie erreichen wollen. Nur mit einem Weg vor Augen, kann man hier etwas erreichen.

Die Situation in Syrien ändert sich ständig, das ist für mich extrem schwierig.

Du hast mehr gesehen und erlebt als die meisten Menschen in deinem Alter. Wie ist es, wenn die Welt zum Dorf wird?

Die verschiedenen Regionen in der Schweiz haben unterschiedliche Charaktere, so ist es auch in Syrien und überall dazwischen, wo ich sonst war. In Damaskus war es nicht einfach, als Frau in Freiheit zu leben. Ich hatte Glück, dass meine Familie sehr aufgeschlossen war und mich immer unterstützt hat. Hier in der Schweiz wiederum haben die meisten Menschen ein Bild von syrischen Geflüchteten im Kopf. Ich kam per Flugzeug, hatte ein Visum; das entspricht nicht dem Klischee. Als unabhängige Frau bin ich mir gewohnt, dass ich mich immer erklären muss. Ich bin kein Stereotyp.

Und inwiefern spielen digitale Hilfsmittel wie Chatprogramm eine Rolle? Sind die Distanzen so einfacher zu überwinden oder machen sie es nur noch schwieriger?

Es ist nicht einfach in Kontakt zu bleiben, weil in Syrien das Internet sehr schlecht ist. Skype beispielsweise funktioniert nicht. Ich bin mit meiner Familie höchstens per Whatsapp in Kontakt. Nicht jeden Tag, aber so oft es geht. Wir haben uns seit drei Jahren und vier Monaten nicht mehr gesehen! Die Situation in Syrien ändert sich ständig, das ist für mich extrem schwierig.

Nun bist du Autorin und schreibst über Flucht, Whatsapp, Seelenwanderung, Google Maps und vieles anderes. Inwiefern ist dein Werk autobiografisch geprägt?

Es geht höchstens teilweise um mich. Mein Leben ist nicht interessant genug, wenn ich mich mit anderen Schicksalen vergleiche. Aber natürlich: Das Schreiben für das Theater hat immer auch etwas Autobiografisches: das Mädchen, die Mutter oder der Fahrer in meinem Stück sind alle ein bisschen wie ich.

Was bedeutet dir die Sprache?

Als Autorin ist die Sprache für mich natürlich zentral! Das Stück «Gebrochenes Licht» ist mein erstes auf Deutsch. Und ich freue mich sehr auf die Premiere! Ich habe schnell Deutsch und Schweizerdeutsch gelernt: in der Schule, bei einer Familie im Kanton Solothurn, mit der Zeitung und auf Youtube. Geschrieben habe ich schon früher, damals auf Arabisch.


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