💌 «Züri Briefing» 💌

Die Schiffstation Zürich Bürkliplatz. (Bilder: Simon Jacoby)

Als Tourist auf dem Zürichsee: Von Spareribs, Federer und «Käptn’s Wy»

Vier Stunden dauert die grosse Rundfahrt mit dem Dampfschiff auf dem Zürichsee im Rahmen unserer Sommerserie. Viel passiert nicht, schön ist es trotzdem.
24. August 2021
Chefredaktor

Tauchen im Zürichsee, die Stadtgrenze abwandern, in jeder Bar an der Langstrasse ein Bier trinken: Für die aktuelle Sommerserie haben wir uns an Dinge herangewagt, die wir in dieser Stadt noch nie gemacht haben.


Gegen Ende schwankt irgendwie alles ein wenig: Das Schiff, ich selber, und gefühlt auch der Boden am Pier beim Bürkliplatz. Vier Stunden auf der grossen Zürisee-Schiffsrundfahrt haben einen gehörigen Einfluss auf den Gleichgewichtssinn. Der «Käptn’s Wy» und die Wellen auf dem Wasser harmonieren hervorragend.

Dieser Touri-Ausflug ist die Geschichte der Spareribs im Schiffsbauch, des veganen Burgers, der Baustelle des «Maestros» und der klatschenden Schulkinder. Doch der Reihe nach.

Der Bürkliplatz schafft es nicht auf meine persönliche Liste der meistfrequentierten Orte in Zürich. Eigentlich bin ich dort nie, ausser am letzten Freitag im Monat, wenn die Critical Mass jeweils von dort losfährt. Auch die Flotte der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft kenne ich nur vom Hörensagen. Heute ändert sich dies. Für einmal bin ich Tourist in der eigenen Stadt und auf dem eigenen See.

Der Dampfer «Stadt Zürich» lässt ein langgezogenes Hupen von sich, während einige Rentner:innen an diesem Freitagnachmittag Schlange stehen. Man ist bereit für die vierstündige Fahrt nach Rapperswil und wieder zurück. Der eine Matrose schimpft in die Warteschlange: «Maske auf!». Ein zweiter Matrose fordert mich beim Weg in die 1. Klasse auf, zuerst einen Klassenwechsel zu lösen. Es schmeichelt, dass er mich als 2. Klasse-Fahrer einschätzt, schliesslich kann er nicht wissen, dass die Schifffahrtsgesellschaft das 1. Klasse-Ticket für diesen Ausflug gesponsert hat.

Alles glänzt, alles ist gut geölt.

Ja, die Schiffe auf dem Zürichsee sind dem öffentlichen Verkehr angegliedert. Die Gesellschaft ist zwar eine private Firma, gehört aber zu gut zwei Dritteln den Seegemeinden und dem Kanton. Eine Fahrt ist also genau gleich teuer wie eine Fahrt mit dem Tram. Die Flotte, welche derzeit 17 Schiffe umfasst, transportiert jährlich rund 1,2 Millionen Fahrgäste und beschäftigt über 100 Mitarbeitende.

Das Glück will es, dass an diesem Nachmittag ausgerechnet die «Stadt Zürich» für die grosse Rundfahrt eingeplant ist. Sie ist einer von noch zwei Raddampfern, welche auf dem Zürichsee verkehren und gemäss dem einen Matrosen hielt Kaiser Wilhelm II. vor dem Ersten Weltkrieg eine Übung auf dem Schiff ab.

Wer etwas auf sich hält, trinkt einen Halben davon.

Zu einem gelungenen Touri-Ausflug gehört ein motivierter Guide. Dieser Matrose hat noch mehr auf Lager, als die Wilhelm Anekdote. Er kommt ins Plaudern und Schwärmen. Die Panta Rhei sei zwar ein sehr schönes Schiff, aber «nichts ist schöner als ein Dampfschiff». Die Maschinen zischen und dampfen und verbrauchen nach Rappi und wieder zurück rund 1200 Liter Öl. Dies, so der Guide, sei etwa gleich viel wie ein Einfamilienhaus in einem Winter brauche.

Moderne Wohnhäuser heizen teilweise mit Abwärme, jene Abwärme des Dampfschiffes wird auch genutzt. Manchmal zumindest. Hinter einer unscheinbaren Türe verbirgt sich Technik und ein kleiner Hohlraum. «Da legen wir ab und zu morgens in Alufolie eingewickelte Spareribs rein. Abends sind sie dann butterzart!» Matrose müsse man sein.

Die beiden gelben Kranen docktern an Federers Baustelle rum.

Vorbei an Wollishofen, Tina Turner, Lindt und Sprüngli. Einige Rentnerpäärli reden höchstens das Wenigste, vielleicht auch, weil er nicht mehr so gut hört. Andere sind hier für die grosse Günnung, kennen die Rundfahrt offensichtlich und bestellen ohne auf die Karte zu schauen «einen Halben Käptn’s Wy» und das Tartar. Wem es wohl besser gefällt auf dem Schiff? Der spanisch sprechenden Schwiegermutter oder den Schiff-geübten Schwiegereltern?

Beim ersten Zwischenstopp Thalwil ist auch das erste Getränk leer. Oberrieden, Horgen, Halbinsel Au, dann auf die andere Seite, Männedorf, Stäfa, Insel Ufenau, vorbei an Federers Baustelle, Rapperswil. Irgendwo ist ein junges Päärli zugestiegen. Sie bestellen Kaffee, Paprikachips, Caramelköpfli. Dazu gibts Marlboro Gold. Sie ist gut frisiert, er kann gut fotografieren und Instagram Storys aufnehmen. Ja, die Aussicht ist fantastisch. Hügel, Berge, die S-Bahn, See.

Burger-Essen im Takt der geklatschten 5er-Reihe.

Im Hafen von Rapperswil steigen viele aus, andere steigen dafür ein. Auch das inzwischen heisse Kühlwasser wird gewechselt, erklärt der Matrose. Der Dampfer macht sich auf die Rückreise. Schifffahren macht hungrig und obwohl die ZSG seit 1891 fährt, ist die Speisekarte erstaunlich modern. Neben den Klassikern wie Züri-Gschnätzlets und Egli-Filets gibt es auch einen veganen Burger im dunklen Brötchen.

Damit beim Kauen der Takt nicht verloren geht, beginnt eine Schulklasse auf dem Unterdeck die Fünferreihe zu klatschen: Eins, zwei, drei, vier, Hugo, sechs, sieben, acht, Hugo. Ups, falsch. Wer einen Fehler macht, darf nicht mehr mitklatschen. Die Rausgefallenen winken den anderen Booten auf dem See. Einige winken zurück, das Interesse von anderen hält sich in Grenzen.

Viel Aufregendes passiert nicht in diesen vier Stunden. Aber das ist ja auch nicht das Ziel. Die grosse Rundfahrt ist ideal für einen idyllisch-gemütlichen Ausflug und, wie oben erwähnt, sogar relativ günstig. Bei der Ankunft am Bürkliplatz hupt das Schiff wieder tief und lang, bevor sich die Gäste von Bord begeben. Schwankt der Boden, ist es der Wein oder eine Illusion? Egal, auf jeden Fall wird das Velo die ersten paar Meter noch langsam gestossen.

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