Als St.Gallerin am Derby in der Südkurve

Zürcher Derby bei minus 10 Grad: Die Tsüri.ch-Redaktorin geht zum ersten Mal in die Südkurve. Schnell steht sie unter Spitzel-Verdacht. Ein Erfahrungsbericht.
01. März 2018

Mittwochabend, 19 Uhr: Der Verkehr am Albisriederplatz staut. Ein Polizist hat seinen Töff schräg auf der Fahrbahn platziert und deutet den Autofahrer*innen mit Handzeichen zu wenden. Hinter ihm rast ein Wasserwerfer Richtung Letzigrund. Heute duellieren sich hier die beiden Fussballvereine Grasshoppers Club Zürich und FC Zürich – ein sogenanntes Hochrisikospiel. Als St.Gallerin im Zürcher Exil schaue ich mir heute mit meinem Cousin das Cup Halbfinal aus der Südkurve an. Für die Vorbereitung fragte ich einen FCZ-Fan meines Vertrauens um Rat: Wo in der Südkurve sollen wir uns hinstellen? «Je weiter oben, desto lockerer und älter die Leute, je weiter unten desto jünger und wilder. Mitte unten sind die Ultras». Er stehe mit seinen Kollegen jeweils in der Mitte oben. Für ein bisschen Authentizität kann ich mir von einer Bekannten ihren FCZ-Schal ausleihen.

«Muss man einmal erlebt haben»
An meinem letzten Fussballmatch war ich keine zehn Jahre alt und fante von den Sitzplätzen dem FCSG zu, der damals noch im «Stadion Espenmoos» spielte. Mittlerweile wurde dies von der «AFG Arena» ersetzt. Ich weiss nur noch, das wir vom auswärtigen Verein – ich glaube Sion – aufs Dach bekamen. Fussball interessierte mich schon damals nicht. Ich bade nicht gerne in Menschenmengen, esse keine Wurst. Ausserdem ist es an diesem Mittwoch eisige zehn Grad minus und trotzdem fand ich mich neben grölenden Fans im Stadion wieder. Weil: «Muss man einmal erlebt haben», fand mein Cousin, der selbst auch nicht in Zürich aufgewachsen ist. Vom Menschenstrom liessen wir uns davor Richtung Letzi treiben. Das E-Ticket scannten wir am Drehkreuz ein, die zwei Security dahinter schauten uns kaum an. Unter unseren fetten Daunenjacken hätten wir allerlei Zeugs reinschmuggeln können.
Wir platzieren uns zuoberst links und schon reicht uns jemand ein blaues A3-Blatt, das wir beim Einlaufen der Spieler in die Höhe halten sollen. «Mit der blauen Seite nach oben», schreit der «Moderator» mit dem Megafon. In der Mitte rollen sie währenddessen ein Transparent hoch. Meine Aussicht:

Und so sah das ganze von vorne aus:

Nach wenigen Sekunden ist der Spass vorbei, alle zerknüllen das Papier und schmeissen es nach vorne. Das Transparent liegt verwurstelt auf dem Boden.
Drei deutsche Männer mittleren Alters quetschen sich hinter uns, einer hat eine FCZ-Mütze montiert. «Ich kann es nicht fassen, dass sie hier nur alkoholfreies Bier verkaufen», meint er. Der Fan links von mir dreht sich um und erwidert: «Hättest ja dein eigenes mitnehmen können». Er nippt an seinem Dosenbier und fragt mich, ob ich genug Platz habe. Anpfiff.

Fast keine Frauen
Die beiden Stadtvereine teilen sich ein Stadion: Den Letzi. Bis 2008 spielte der Grasshoppers Club im Stadion Hardturm, das mittlerweile abgerissen wurde. Jetzt empfangen die beiden Vereine ihre Gegner hier, zumindest solange bis ein neues Stadion gebaut ist. Denn der Letzi ist eigentlich für die Austragung von Leichtathletik Wettkämpfen konstruiert. Die Tartanbahn, die die Zuschauertribüne vom Rasen trennt, rückt das Feld in die Weite. «Ein richtiges Fussballstadion muss zum Hexenkessel werden können. Das ist unmöglich im Letzi», erklärte mir ein FCZ-Fan im Vorfeld. Da ich so eh nicht viel vom Spiel mitbekomme, schaue ich mich ein bisschen um. Die Frauenquote beträgt weniger als fünf Prozent. Der Letzigrund ist zur Hälfte gefüllt. Kein Wunder, der eisige Wind zieht harsch zwischen Tribüne und Dach in den Nacken. Auf jedem Sessellift wäre es angenehmer. Vor der Südkurve stehen mit dem Rücken zum Feld drei Männer in grünen Leuchtwesten, in der Hand einen Stock und vor ihnen einen Kübel mit Wasser. Darin werden sie später die brennenden Pyrostücke versenken.

Schon nach zehn Minuten schiesst GC ein Tor und die Fans sagen unschöne Sachen über den Schiri, die ich hier nicht genauer zitieren möchte. (Seine Mutter kommt darin vor.) Die Fans feuern ihre Mannschaft an und singen «GC GC, die Scheisse vom See» und «Wer nöd gumpet isch kein Zürcher hey hey». Der Deutsche hinter mir fragt: «Was ist gumpe?»

Wegen der Tartanbahn rückt das Feld in weite Ferne.

Der Spitzel-Test
In der 22. Minute schiesst der FCZ den Ausgleich. Unterhalb von mir werden Pyros gezündet, ich zücke das Handy und schiesse ein Foto. Der Fan links von mir fragt mich: «Wer hat das Goal geschossen?». Ich: «Weiss nicht, habs nicht gesehen». In Wahrheit könnte ich keinen einzigen Spieler beim Namen nennen. Sehr bestimmt befiehlt er mir: «Mach da kei Fotis oder Videos!».

Das ist mein letztes Foto während dem Match.

Während der restlichen Zeit der ersten Halbzeit fühle ich mich vom Fan neben mir beobachtet. Er macht den «Spitzel-Test» schaut mir auf die Lippen, ob ich die Lyrics der Fangesänge auch wirklich beherrsche (tue ich nicht) und ob meine Augen den Pyrorauch aushalten (tun sie nicht). In der Pause stürzen wir uns darum schnell in die Menge und erkundigen den Sektor. Die Stadiontoilette ist wohl der einzige Ort in ganz Zürich, an dem die Schlange beim Männer WC länger ist als jene beim Frauen WC. Für die zweite Hälfte des Matchs wechseln wir den Platz und stehen weiter rechts. «Eh sorry, da chömed aber no mini Kollege», sagt der eine. Wohl ein No-Go den Platz während des Matches zu wechseln.

«Sofort lösche, sofort»
Beim Einlaufen der Spieler nach der Pause zünden mehrere Fans Pyros, ein Mann schräg vor mir filmt die Menge, schwenkt die Kamera hin und her. Da schreit eine Stimme: «Hey hey Jungs!». Ein junger Mann stürzt sich an uns vorbei auf den Filmenden: «Sofort lösche, sofort! Chasch im Internet Filmli aluege, aber film verdammt nomal nöd us de Südkurve». Der Ertappte löscht das Video.In diesen knapp eineinhalb Stunden habe ich niemanden gesehen, der ein Foto schoss oder seine Insta-Story updatete.

Unsere neuen Nachbarn zählen sich wohl zu den Analysten: «Sie wänd de Topf z fescht. So gats nöd!» oder «Ziehnen übere – das chönt sogar ich besser». Eine zähe Halbzeit, die Kälte frisst sich langsam durch die Schuhe und die zwei Paar Socken. Es muss einen Sieger geben, sonst gibt es 30 Minuten Nachspielzeit und das wollen weder die Spieler noch die Fans und ich am wenigsten. In der 90 Minute dann die Erlösung, irgendeiner schiesst das zweite Goal für den FCZ. Die Fans um uns grölen, liegen sich in den Armen, einer stützt sich euphorisch auf meinem Kopf ab. Mein Cousin und ich – freuen uns mit, aber mehr weil es keine Nachspielzeit gibt und wir in die Wärme können. Beim Hinausgehen frage ich bei einer Securityfrau nach, warum sie nicht alle kontrollieren und sie meinte, sie machen Stichproben und vielleicht hätte es grad keine Frau gehabt, die mich hätte abtasten können, meine männliche Begleitung aber kontrollierten sie aber auch nicht.

Schon beeindruckend wie die Fans neunzig Minuten bei der sibirischen Kälte hindurch singen und ein ganzes Repertoire an Liedern liefern. Alles in allem empfand ich die Stimmung als aggressiv aufgeladen: Die Fans mussten mehrmals betonen, dass sie den FC Basel so stark hassen wie GC. Auf dem Weg zur Toilette wurde ich zwei Mal angerempelt und Platz macht dir keiner, wenn du durch willst. Wir fühlten uns als Uneingeladene, die in einen geschlossenen Kreis eindringen und denen man grundsätzlich mal kritisch gegenüber steht. Ein Derby kann man erlebt haben, muss man aber nicht.

So sah die Südkurve während des Derbys in der Meisterschaft am Sonntag aus. Foto: Timothy Endut
Alle anderen Fotos von der Autorin.

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