Als Penis zwischen den Fronten des Patriarchats und Feminismus

Der gestrige Women’s March hat auch Männer* aufgefordert, teilzunehmen. Das ist gut, aber nicht genug. Eine Reflexion über 28 Jahre lang Mann sein, dessen Toxizität und weshalb Feminismus kein Geschlecht haben sollte.
20. Januar 2019

Seit 28 Jahren laufe ich jetzt schon mit einem Penis durchs Leben. Irgendwann habe ich gemerkt: Ich bin kein Mann (sondern allerhöchstens ein Mann*). Diese Krise der Geschlechtsidentität – ja diese Krise der Männlichkeit – ist wichtig und richtig. Und erst wenn das auch der Feminismus kapiert hat, werden wir das Patriarchat brechen und wahrlich gleichgestellte Menschen werden.

Der gestrige Women’s March 2019 zeigt, dass die neue Welle der Frauenbewegung sich in diese Richtung entwickelt. «Wir freuen uns auf alle*», heisst es auf der Seite ihrer Facebook-Veranstaltung. «Auch sympathisierende Männer*.» Dass das männliche Geschlecht dabei lediglich als «sympathisierend» auftreten darf und soll, ist falsch und nicht hilfreich für die Bewegung. Wir alle leiden unter dem Patriarchat.

Auch wir biologischen Männer* sind in dieser sexistischen Gesellschaft aufgewachsen. Wir wurden zwar tatsächlich zu Tätern und kleinen Patriarchen erzogen, gleichzeitig jedoch auch zu Opfern. Mein Körper mit Bart und Penis zeichnet sich als Feind – meine Vernunft weiss, ich bin Opfer.

Alles schwul

Genau dieser Körper kommt in diese Welt, erfährt von zwei Geschlechtern und hat zu entscheiden. Damit ist eine Kettenreaktion losgetreten, die man nur noch erschwert aufhalten, geschweige denn rückgängig machen kann. Man lernt eine Rolle zu spielen, diejenige seines Geschlechts. Man lernt stark zu sein, nicht zu weinen, bald einer Frau den Hof zu machen und Ernährer werden zu müssen.

Als Teenager sah ich, wie ein Mitarbeiter einen anderen zum Geburtstag auf die Wange küsste. Ich fand es unglaublich schwul und eklig. Was zu dieser Zeit als Pubertierender etwa Synonyme waren. Ich fand es auch schwul, dass sich in der Fernsehserie «Scrubs» der Protagonist John Dorian und sein bester Freund Turk ständig umarmen und betouchen mussten. Ich urteilte als Mann, als toxischer Mann, ich war Täter.

Gleichzeitig war ich Opfer. Denn insgeheim fand ich es schön, wie J.D. und Turk miteinander umgingen. Ich wünschte mir, ich könnte meinen liebsten Freunden auch diese körperliche Nähe zeigen. Zugleich liess dies meine Angst, als schwul zu gelten, nicht zu. Wieso durften Frauen sich umarmen und wir Jungs nicht? Ich steckte in einem männlichen Körper, der sich gerne femininer verhalten hätte. Doch das stand damals ausser Frage. Ich dachte in diesen sexistischen Begriffen wie maskulin und feminin. Wie hätte ich das durchmischen können?

Diese scharf gezeichneten Linien zwischen dem, was männlich und was weiblich ist, verunsicherte mich. Was war ich? Diese Unsicherheit über meinen Körper und wie er sich zu verhalten hätte, drängte mich dazu, Mann zu sein. Und das heisst: keine Emotionen oder körperliche Nähe. Es sei denn, es gehe um Sex mit einer Frau. Alles andere wäre schwul gewesen. «Schwul» als Antonym zu «männlich».

Nicht spielen, sondern sein

Heute schäme ich mich für diese Gedanken. Denn ich war Mann und nicht mich selbst. Und wie soll man sich selbst sein, wenn man eine Rolle zu spielen hat? Man muss aufhören zu spielen und beginnen zu sein.

Jetzt umarme ich alle meine Freund*innen, manche küsse ich auf die Wange oder gar auf den Mund. Schwul? Na und! Ich würde auch gerne öfters weinen. Denn zu weinen, ist ein Recht jedes Menschen – für mich und wohl viele Männer* jedoch eine vergessen gegangene Fähigkeit, die man sich langsam und beschwerlich zurück erkämpfen muss. Und daran ist nicht nur das männliche Rollenbild schuld, sondern auch die Frauen selbst (dazu mehr im Gastbeitrag von Monique Ligtenberg).

Women’s March: Männer* in den Feminismus! Und was Frauen* dazu beitragen können

Wir alle sind geborene Sexist*innen, denn die Gesellschaft selbst ist sexistisch. Wir können nichts anderes tun, als alte reproduzierte Werte und Handlungsweisen zu hinterfragen und dann schliesslich abzuschaffen. Denn solange Geschlechterrollen existieren, werden wir nie gleichgestellt leben. Solange wir eine Rolle spielen, werden wir nie uns selbst sein können – nämlich Menschen.

Wir sind der böse Patriarch

Dies gesagt, ist es umso störender, dass ich als Mann* nicht als Teil der Bewegung gegen Gewalt an Frauen verstanden werden darf, sondern lediglich als Sympathisant. Der Mann sei Teil des Problems, jedoch auch Teil der Lösung. Es wird Zeit, dies auch so zu leben. Als Feminist* kann man sich zurzeit immer nur gebückt für den Feminismus stark machen. Denn sonst würde man sich ja als Mann für die Rechte der Frau stark machen. Es wird wohl nicht lange dauern, bis ich wegen dieses Texts des Mansplaining bezichtigt werde. In dieser steten Angst muss man als Feminist* leben. Man darf und soll sich zwar für den Feminismus einsetzen, aber bitte ja nicht mitdiskutieren.

Denn der Mann wird noch immer von vielen Frauen grundsätzlich als Patriarch verteufelt. Im Zweifel gegen den Angeklagten. Doch wer ist denn der Patriarch? Es ist wichtig, dies genau zu definieren und nicht allgemein Menschen mit Penissen als schlechte Menschen abzustempeln. Nicht der Mann ist der Feind, sondern die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen. Und von denen ist auch der Mann* betroffen.

Die fehlende Inklusion von Männern* steht der Bewegung und dem Feminismus im Weg. Genau deswegen fällt es vielen Männern schwer, sich zum Thema zu äussern und sich dafür stark zu machen. Das wäre jedoch äusserst wichtig. Wir brauchen alle. Weshalb denken wir in Geschlechtern, wenn wir doch als Menschen Gleichstellung brauchen. Es braucht einen inklusiven Feminismus. Denn stellen wir uns als Gesamtheit der Gesellschaft gegen Sexismus, dann stirbt er ganz von selbst. Der*die Gegner*in des Patriarchats darf kein Geschlecht kennen.

Titelbild: Laura Kaufmann

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