Als Frau auf Besuch im Rotlicht

Über das Rotlicht in Zürich wird viel und oft geschrieben. Trotzdem wagen sich nur wenige in die zahlreichen Etablissements oder Kontaktbars, um sich ein eigenes Bild des Milieus zu machen. BMS-Schülerin Cornelia Hanimann wagt es und ist positiv überrascht.
07. Januar 2019

Dieser Text ist entstanden in Zusammenarbeit mit der technischen BMS-Klasse von Seluan Ajina. Für mehr Informationen, siehe hier.


Text: Cornelia Hanimann

Kontaktbars, Sexboxen oder der Strich – in Zürich lässt sich Sex auf verschiedenen Wegen kaufen. Sei es bedingungsloser Sex mit einer fremden Frau oder eine wilde Nacht, die die Gefühle der Jugend aufleben lassen. In Zürich kann anscheinend jede*r glücklich werden. Um mir ein eigenes Bild davon zu machen, mische ich mich mit meinen Freund*innen für einen Abend unter die Puffgänger*innen.

Mit einem Freund stehe ich vor einem weihnachtlich geschmückten Haus. Darunter raucht eine Gruppe junger Männer ihre Zigaretten. Nicht weit von der Zentralbibliothek im Niederdorf in einer Seitengasse ist ein Gebäude etwas anders als die anderen.

Um uns herum stolzieren Frauen in hohen Absätzen der Strasse entlang. Sie tragen trotz der Kälte kurze Röcke. Plötzlich herrscht Begeisterung, als hinter dem Fenster eine nackte Frau kurz den Vorhang beiseite schiebt, um das Fenster zu öffnen. Aus einem anderen winkt mir eine schöne Blondine lächelnd zu.

Die Jungs starren mich an und fragen meinen Kumpel, ob ich seine Freundin sei. Mein Begleiter schmunzelt und verneint. «Bestimmt käme ich mit meiner Freundin hier her», flüstert er mir zu.

Die Blondine schaut weiterhin in meine Richtung, so dass ich nicht mehr weiss, wie ich reagieren soll. Lächeln? Zurückwinken? Nein, dann kommt sie vielleicht runter. Diese Prostituierte wirkt wahrlich einschüchternd.

Die schöne Frau am Fenster

Ein Mann wirft sein Zigarettenstummel auf den Boden und drückt sie aus. «Also los, gehen wir hoch!», sagt er und betritt hastig das Gebäude. Mit den vielen Fenstern und reizvollen Frauen hinter den Vorhängen liesse sich ein Adventskalender machen. Hinter jedem Fenster wartet eine neue Überraschung. Das Schaufensterkonzept, das man eher aus Amsterdam kennt, gibt es auch in Zürich.

«Was kostet es hier?», frage ich meinen Begleiter. «Für 100 Franken bekommt man schon was. Viele Männer machen das, sie gönnen sich etwas vor dem Ausgang.» Man stellt sich vor, man sei im Club und hat ein Gespräch mit einem jungen Mann, der sich womöglich eine Stunde früher woanders vergnügt hat.

Das sollte eigentlich kein Problem sein. Es geht ja niemanden etwas an. Trotzdem bleibt das Bild unangenehm im Kopf stecken. Die schöne Frau am Fenster wirkt wie eine Illusion und trotzdem ist sie echt. Sie will dich verführen, dich begehren und für wenig Geld ist sie real.

Das Chilli's und seine Chilies

Wir folgen weiter dem Rotlicht und nehmen den Bus zur Langstrasse. Unser Ziel ist das Chilli's, eine Kontaktbar. Hier ist die Stimmung besser. Es läuft Musik und ist schön warm drinnen. Die Männer sind etwas älter und die freizügig gekleideten Frauen bewegen sich zu Reggaeton-Musik.

Wir setzen uns an einen Tisch direkt neben einer Pole-Stange. Eine Frau mit grossen Brüsten und dem wahrscheinlich grössten Arsch, den ich je zu Gesicht bekommen habe, lächelt mich freundlich an und fragt mich, was ich trinken will. Sie spricht nur Englisch und erzählt uns, dass sie aus Südamerika stammt.

Nachdem sie uns mit Getränken versorgt hat, geht sie zurück zu zwei Männern, von denen sie sofort zum Tanzen aufgefordert wird. Die Herren feiern mit ihr, verschicken Videos und Selfies.

Neben ihnen sitzt ein Mann mit grauen Haaren, in den Armen einer hübschen Frau. Sie ist in meinem Alter, hat lange schwarze Haare, trägt dunklen Lippenstift und kurze Shorts mit einem Top, die ihre Figur besonders zur Geltung bringen. Hinter seinem Rücken verfasst sie ganz nebenbei eine Nachricht auf ihrem Handy. Eine Geschäftsfrau. Der Mann scheint so eingenommen von ihr, dass er es nicht bemerkt. Sie setzt sich auf seinen Schoss und dreht ihren Oberkörper weg, um zu verstecken, dass sie ihr Smartphone bedient.

Während ich sie beobachte, beginnt mein Begleiter zu lachen und weist mich in die Richtung eines anderen Mannes, der mich schon länger anstarrt. «Ich glaube, der meint, du arbeitest hier», sagt er. «Ich bin doch gar nicht so freizügig angezogen wie die anderen Frauen», antworte ich. Wir hoffen, dass eine der Frauen uns nochmals anspricht, damit ich mehr über die Arbeit der Frauen erfahren kann, jedoch wirken sie distanziert. Noch immer starren mich die Männer an. Doch bevor mir jemand tatsächlich ein Angebot machen kann, verlassen wir die Bar.

Mundgeruch, der Träume zerstört

Beim nächsten Ort kostet es 10 Franken für den Eintritt und wir sind drin. Im Flur ist ein junger Mann, der schrecklich und trotzdem mit voller Leidenschaft zur Musik tanzt. Die Damen um ihn herum feuern ihn begeistert an. Fertig getanzt, fällt ihm eine Dame um den Hals und bejubelt ihn.

Endlich auf der Couch angekommen, holt uns mein Begleiter für den Eintrittsschein ein Bier. Alle Altersgruppen sind hier vertreten, eine Vielzahl von Frauen ebenso. Dicke, dünne, Frauen aus der ganzen Welt – alle wissen, wie sie ihren Körper präsentieren müssen.

«Der Durchschnittspreis ist hier bei 50 Franken», lässt mich meine Begleitung wissen, nachdem er sich mit dem etwas dicken Mann unterhält. Er macht mich auf eine Frau aufmerksam, die ihn an der Bar angesprochen hat, und spricht sie kurz darauf nochmals an.

Wenige Minuten später kommt er zurück. «50 Franken kostet's, aber sie hatte Mundgeruch. Selbst bei einem günstigen Angebot wie diesem könnte ich nicht darüber hinwegsehen, da verginge mir der Appetit». Keine der Frauen traut sich, weder zu ihm noch zu mir zu sitzen.

Als wir die Tacobar verlassen, sehen wir die Puffgäste in einem Hotel gleich über der Bar verschwinden. Ein sehr praktischer Ort, um zur Sache zu kommen. Die winterliche Jahreszeit kombiniert sich schlecht mit den knappen Outfits. Auch der Gedanke, bei diesen Temperaturen mit hohen Absätzen zu einem Hotel zu marschieren, würde mir die Stimmung ruinieren. Die Tacobar ist die einzige Bar, die einen Eintrittspreis verlangt hat heute Abend. Allerdings ist sie gut organisiert, was Kunden aus allen Altersgruppen anlockt.

Hemmungslos Tanzen

Zürich hat eine farbenfrohe Auswahl für das älteste Geschäft der Welt. Was mir einen bleibenden Eindruck hinterlässt, sind die Frauen im Chilli's. Sie haben keine Hemmungen, billig zu tanzen. Ob sie dick sind oder dünn, Cellulite haben oder herausstehende Knochen, sie präsentieren ihren Körper mit Stolz und wirken so locker, dass man diese Unbeschwertheit teilen will. Oft hört man, dass Frauen diese Arbeit nur unter Drogeneinfluss verrichten können. Davon habe ich jedoch nichts gesehen. Es ist möglich, mit einer rosaroten Brille ein Bordell oder eine Kontaktbar zu besuchen und wieder hinauszugehen, ohne dass einem jemals etwas Negatives auffällt.

Trotzdem ist es beneidenswert, dass die Frauen ihren Körper so geniessen und mit ihrer Weiblichkeit provozieren, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Sie nehmen die Komplimente und die Aufmerksamkeit lächelnd an und hinterfragen sie nicht. Die Männer, die mit ihnen tanzen, können sich für einen Abend wieder jung fühlen und alle scheinen einen riesen Spass zu haben. Für etwas Geld kann man sich in Zürich Träume verwirklichen, ohne den seriösen Alltag in ein traumhaftes Chaos zu stürzen.

Titelbild: Cornelia Hanimann

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