🎂 6 Jahre Tsüri 🎂

Hier lacht Simon Jacoby zwar, aber im 2020 war ihm nicht immer danach zu Mute. Foto: Elio Donauer.

«Als der BR den Lockdown verkündete, dachte ich, jetzt ist es vorbei mit Tsüri.ch»

Das Jahr 2020 hatten wir als Jahr des beruhigenden Kontostands geplant und wir wollten neuen Schnuf für den nächsten grossen Schritt holen. Doch es kam anders. Chefredaktor Simon Jacoby beschreibt, welche Gefühle er im Coronajahr durchlebte.
21. Dezember 2020
Chefredaktor

Die erste Aufregung nach der Lockdown-Pressekonferenz des Bundesrates ist dem Schrecken gewichen. Ich war mir sicher, dass wir mit Tsüri.ch diese Krise nicht überleben werden. Dieses beklemmende Gefühl, dass uns das Geld ausgeht, ist nichts Neues für mich. Bisher hat es noch in jedem Jahr mehrere Momente gegeben, in denen ich nicht wusste, wie wir die übernächsten Löhne bezahlen sollen. Doch diesmal war es anders.

Ende 2019 hatten wir den Break Even, also die schwarze Null, nur knapp verfehlt. Wir hatten uns inhaltlich verbessert, die Geschäftsmodelle (Memberships, Eventsponsoring und Werbung) hatten zu funktionieren begonnen, die Motivation im Team war on Fire. Kurz: Wir waren bereit, im Jahr 2020 zu beweisen, dass 2019 kein Glücksfall war, sondern wir uns das erarbeitet hatten. Wir waren bereit für den nächsten Schritt.

Dann kam das Virus. Es war unfair; wie für tausende andere kleine und mittlere Unternehmen und Selbständige auch. Da war es wieder, dieses beklemmende Gefühl und eine Kontostandprognose, die nichts Gutes versprach.

Für ähnliche Situationen hatte ich mir einen Ablauf zurechtgelegt: Das Team nicht unnötig verunsichern, und dann nichts unversucht lassen, gleichzeitig aber keine Energie auf etwas verschwenden, was ich eh nicht ändern kann. Damit bin ich jeweils ziemlich gut gefahren, jede schlaflose Nacht konnte es aber auch nicht verhindern.

Plötzlich funktionierte dieser Ablauf nicht mehr.

Zum Glück aber nicht für lange. So schlimm der Lockdown und die ganze Pandemie in deren Ganzheit ist, uns hat die Situation in die Hände gespielt. Wir sind digital, wir sind beweglich und wir haben jeweils eher zu viele neue Ideen als zu wenig. Dazu kam diese unglaublich schöne lokale Solidarität.

Wir organisierten Nachbarschaftshilfen, recherchierten zu Kurzarbeit & Dividenden, versuchten zusammen mit unserem Verwaltungsrat Thomas Gabathuler mit «La Résistance» die Gastro-Branche zu retten und führten digitale Anlässe durch. Die Community dankte es mit Traffic-Rekorden, kaufte im Shop Shirts a gogo und liess die Memberzahlen in die Höhe schnellen.

Plötzlich war das klamme Gefühl weg. Wir haben keine Kurzarbeit bezogen, haben keinen Grossverlag im Rücken, auch keine Stiftung, die regelmässig Geld schickt und gingen beim Nothilfepaket des Bundes leer aus. Alle Einnahmen erwirtschaften wir selber. Das erste halbe Jahr schlossen wir besser ab, als wir budgetiert hatten. Dies, während die traditionellen Medien vom Bund Nothilfe bekamen und trotzdem sparen mussten. (Einschub: Nicht alle Verlage mussten sparen. Die TX-Group schaffte den perversen Spagat: Kurzarbeit einführen, Sparpläne kommunizieren, ein Nothilfepaket fordern und Dividenden ausschütten). Vor Freude über das gute erste Halbjahr haben wir uns auf dem Idaplatz betrunken. Völlig verdient auch der flaue Magen am nächsten Tag.

Doch bei uns liegt der finanzielle Erfolg jeweils nah beim Misserfolg. Weiter als die nächsten drei Monate reicht das Polster in der Regel nie. Bisher gelang es uns nicht, Reserven aufzubauen, die etwas Entspannung bringen. Bereits im August zeichnete sich der nächste Engpass ab. Schon wieder. Wegen der Corona-Krise lief das Sponsoring für den Schwerpunkt zum Thema Gesundheit nicht wirklich gut. Statt der budgetierten 60’000 Franken konnten wir nur 11’000 Franken auftreiben.

Doch es kam, wie es bisher noch immer gekommen ist. Mit vereinten Kräften, vorgezogenen Projekten und einem Quäntchen Glück liessen wir auch diese Baisse hinter uns und steuern nun das erste Mal auf den Break Even zu. Dies wäre für uns nicht einfach ein Nice to have, denn wir können uns im Abschluss von 2020 keinen Verlust mehr leisten. Das Startkapital ist aufgebraucht, wir müssen dieses Jahr gleich viel einnehmen, wie wir ausgeben.

Beim Start von Tsüri.ch im Jahr 2015 haben mir die meisten davon abgeraten, in Zeiten der Medienkrise etwas Neues zu wagen. Es werde nicht klappen, die Branche sei tot, der «Markt» in Zürich zu klein. Wenn wir nun per Ende Dezember die schwarze Null schaffen, haben wir uns vom Startup zum KMU gemausert und die neu gewonnenen grauen Haare, die beklemmenden Gefühle, das Risiko zum Start; all das wird sich dann gelohnt haben. So nah wie dieses Jahr war die schwarze Null noch nie, es fehlen noch wenige Franken.

Dass wir jetzt so kurz davor stehen, hat verschiedene Gründe:

  1. Tollkühnheit und Mut von allen, die seit Beginn an die Idee eines communitybasierten Stadtmagazins geglaubt haben. In erster Linie war dies das Team zum Start, die Geldgeber*innen, mein Mentor und Verwaltungsrat Moritz Zumbühl, der erste Geschäftsführer Alun Meyerhans, der zweite Geschäftsführer Roland Wagner, die ehemaligen Co-Chefredaktoren Marco Büsch und Tim Endut, Verwaltungsrat Maximilian Stern, später auch Thomas Gabathuler und Esther Senecky; nicht zu vergessen meine Freunde und Freundinnen.
  2. Das heutige Team, welches mit grosser Lust und Freude täglich für den unabhängigen Journalismus einsteht und mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Hartnäckigkeit Tsüri.ch Schritt für Schritt vorwärts bringt: Seraina Manser, Elio Donauer, Rahel Bains, Isabel Brun, Nico Roos, Jonas Kappner und die beiden Praktikant*innen (derzeit Emilio Masullo und Sonya Jamil), welche uns tatkräftig unterstützen.
  3. Die konstruktivste und loyalste Community, die ich mir vorstellen kann, welche mit uns Partys feiert, an Veranstaltungen diskutiert, uns mit Memberbeiträgen oder bei Crowdfundings unterstützt und natürlich unsere Inhalte liest, teilt und debattiert.

An sie alle ein grosses Danke.

Ich bin nicht der einzige, der ein Jahr mit Ups und Downs erlebte. Unzählige stehen vor dem Aus, wissen nicht wie weiter. Ich hoffe, dass die Pandemie rückblickend gnädig zu allen von uns gewesen sein wird. Ich hoffe, dass die Politik da hilft, wo es nötig ist. Und wir von Tsüri.ch werden auch weiterhin für eine offene und solidarische Gesellschaft einstehen und jenen das Wort geben, die sonst nicht gehört werden.

Wenn wir nun dieses Jahr erfolgreich abschliessen, dann werde ich darauf unglaublich stolz sein. Auf das Team, auf die Community, auf unsere gemeinsame Vision eines modernen Lokaljournalismus. Ich werde vermutlich auch ein paar Tränen der Erleichterung verdrücken, bevor wir das neue Jahr in Angriff nehmen. Alles wird gut.

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