Fany (rechts) am Frauenstreik 2019 (Foto: zVg)

«Alle tun ständig so, als wären wir Sans-Papiers nicht da»

Mehr Anerkennung für Haus- und Care-Arbeit wird vor allem nach der Corona-Krise gefordert. Fany Flores ist eine, die lange für diese Anerkennung kämpfen musste. Vor 18 Jahren aus Bolivien als Sans-Papier nach Zürich gereist, hat sie einen beschwerlichen Weg hinter sich. Im dritten Teil unserer Serie «Ein Jahr nach dem Frauenstreik» erzählt sie uns, wie sie sich aus den Fängen ihres gewalttätigen Ehemanns, feindlich gesinnten Landsleuten und dreisten Vermieter*innen befreien konnte.
12. Juni 2020
Redaktorin

La Paz, 2002: Mehr als zwei Drittel der 8,5 Millionen Bolivianer*innen leben in extremer Armut. Das Land kämpft mit mit Korruption, Rassismus und einer am Boden liegenden Infrastruktur. Fany Flores ist 45 Jahre alt. Sie hat vier Kinder im Alter von 9, 11, 14 und 20 Jahren. Ihr Mann ist Alkoholiker und misshandelt sie.

«Ich dachte, er würde mich umbringen», erinnert sich Fany, als sie vergangene Woche gemeinsam mit Bea Schwager von der Sans-Papiers Anlaufstelle Zürich, SPAZ, nahe der Bäckeranlage auf einer Bank sitzt. Es sei eine lange Geschichte, sagt sie und holt Luft.

Fany arbeitet in La Paz in einer Bäckerei, einer sogenannten «panadería». Eine Kundin erzählt ihr von der Schweiz und der damit verbundenen Möglichkeit, von dem gewalttätigen Ehemann loszukommen und ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Ein bessere Zukunft in einem Land, in dem in der Hauptstadt Jungs, kaum älter als fünf Jahre, durch die Strassen streifen und ihre Dienste als Schuhputzer anbieten. Einem Land, in dem die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren wegen Unterernährung im Wachstum zurückgeblieben sind.

Die Frau, nennen wir sie Rosa, bietet ihr Unterstützung beim Organisieren der Reise nach Europa an, sagt aber gleichzeitig: «Es wird nicht einfach, du wirst keine Bewilligung haben und riskierst, jederzeit verhaftet und ausgeschafft zu werden.» Fany entscheidet sich trotzdem dafür, Bolivien zu verlassen. In der Nacht vor ihrer Abreise sitzt sie mit ihren Kindern und ihrer Mutter, die sich ab diesem Zeitpunkt um ihre Enkel kümmern wird, zusammen. Sie halten sich an den Händen, weinen viel, sprechen darüber, was die Zukunft bringen wird.

«Ich war quasi ihre Haus-Sklavin»,

Als Fany in der Schweiz ankommt ist es kalt. Und grau. Sie trägt keine adäquaten Kleider. Rosa und ihre Familie nehmen Fany in ihrer Wohnung an der Ecke Roland/Langstrasse auf. Fany wird geheissen, die Wohnung nicht zu verlassen und sich nicht in der Nähe der Fenster aufzuhalten. Sie kocht, wäscht, putzt und passt auf die Kinder von Rosa und ihrem Mann auf, erhält aber keinen Lohn.

«Ich war quasi ihre Haus-Sklavin», sagt Fany heute und knetet wütend ihre Hände. Rosa habe ihre Situation ausgenutzt, wenn es an der Tür klingelte, durfte sie zum Beispiel nicht aufmachen. «Zu ihrem eigenen Schutz», wurde ihre gesagt. «Meine eigenen Kinder durfte ich nicht anrufen, um zu hören wie es ihnen geht. Ich war gefangen. Für so ein Leben war ich nicht hierher gekommen», erinnert sich Fany.

Irgendwann hatte ich aber ein schlechtes Gewissen, ich wollte der Familie nicht noch mehr zur Last fallen.
Fany Flores

Die Wende kommt nach drei Monaten: Die Familie erhält Besuch von Freund*innen, ebenfalls aus Bolivien. Fany steht in der Küche, die sie nicht verlassen darf, und muss traditionelle bolivianische Gerichte wie «Silpancho», Fleisch mit Reis und Kartoffeln und «Saltenas», Fleisch- und Gemüsepasteten, zubereiten. Bis plötzlich Delia Quispé an sie herantritt und sie fragt, was eigentlich los ist. Fany beginnt, zu erzählen. Delia nimmt daraufhin ihre Hand in die ihre und sagt: «Hab keine Angst, wir sind auch Sans-Papiers. Es hat viele von uns hier».

Um Punkt 6 Uhr am nächsten Morgen tappt Fany leise an den schlafenden Kindern von Rosa vorbei, hinaus auf die Strasse. Dort wartet Delia auf sie.

«Die Quispés waren meine Engel», erinnert sich Fany und lächelt.

Ein ganzes Jahr lebt sie mit den Quispés nur eine Strasse weiter im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses. Die Wohnung lautet auf einen Schweizer. Im Haus wohnen zahlreiche Prostituierte, deren Freier sich im Treppenhaus lautstark bemerkbar machen. Fany und die Quispés leben derweil gemeinsam in einem Zimmer. Fany schläft mit den Kindern in einem Hochbett, die Eltern daneben. Delia nimmt Fany mit zur Arbeit, zeigt ihr, was in der Schweiz fürs Standards herrschen und teilt ihren Lohn zur Hälfte mit ihr.

«Irgendwann hatte ich aber ein schlechtes Gewissen, ich wollte der Familie nicht noch mehr zur Last fallen und den Kindern nicht den Platz wegnehmen. Also bin ich gegangen», so Fany.

Durch das Colectivo sin apeles, gegründet von verschiedenen Frauen aus Lateinamerika, die gemeinsam für ihre Rechte kämpfen, erhält sie eine erste Stelle bei einem Paar aus Deutschland, das zwei kleine Zwillingsmädchen hat. Fortan wohnt sie dort, betreut die Kinder, kocht, putzt und wäscht. Als die Familie nach drei Jahren wieder nach Deutschland zurückkehrt versucht diese noch, Fany weiterzuvermitteln. Einige scheuen sich jedoch davor – weil sich Fany illegal in der Schweiz aufhält. Trotzdem kann sie am Ende bei einigen Familien als Haushaltshilfe und Nanny anheuern.

11 Kinder hat sie bislang betreut. Sie nennt sie ihre Enkel. «Einige sind zwar bereits erwachsen, ich habe aber noch immer Kontakt zu ihnen», so Fany.

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Fany wohnt mal in Zollikon oder Stallikon, mal in Oberwinterthur. Von ihren Vermieter*innen wird ihr geheissen, am Morgen aus dem Haus zu gehen noch bevor es hell wird und Abends erst nach der Dämmrung zurückzukehren. Fany arbeitet deshalb stets von 6 bis 21 Uhr Abends ohne Unterbruch.

«Es gibt gewisse Vermieter*innen auf dem Wohnungsmarkt, die Sans-Papiers ausnutzen. In Glattburg habe ich damals für kurze Zeit mit einer Argentinierin in einem Zimmer gelebt und für meinen Schlafplatz auf dem Sofa 500 Franken im Monat bezahlt. Der Vermieter drohte, uns rauszuschmeissen und anzuzeigen, sollten wir nicht bezahlen oder uns etwas anderes suchen. Ich weiss von vielen, die auch heute noch so leben. Manche wohnen zu Viert in einem Zimmer und jede zahlt 300 Franken», sagt Fany wütend.

Jetzt bin ich jemand, ich bin sichtbar.
Fany Flores

Fany wird ausgeschafft

Zürich, 2004: Fany wird während einer Zugfahrt kontrolliert, verhaftet und daraufhin nach Bolivien ausgeschafft. Glück im Unglück: Sie hat so die Gelegenheit, dort ihre schwerkranke Mutter zu sehen. Kurz darauf fliegt sie nach Italien und bahnt sich von dort über die Alpen den Weg zurück in die Schweiz. Ihre Mutter stirbt einen Monat später. Während der Beerdigung telefoniert Fany mit ihrem Sohn und bittet ihn, ihrer im Sarg liegenden Mutter den Hörer ans Ohr zu halten, damit sie sich verabschieden kann. Fany fühlt sich schuldig, dass sie nicht vor Ort ist.

Einige Zeit später lernt Fany durch das Colectivo einen Mann kennen. Er setzt sich für die Anliegen der Gruppe ein, was sie sehr beeindruckt. Heute ist er ihr Ehemann.

Fany sitzt noch immer auf der Holzbank. Ihr Stimme zittert. Sie hatte Glück gehabt, sagt sie schliesslich. Glück, dass ihre Arbeitgeber*innen ihr stets einen fairen Lohn bezahlt haben – nicht allen Sans-Papiers ergehe es so. Viele hätten zudem durch die Corona-Krise ihre Jobs verloren, müssten aufpassen, dass sie nicht krank werden und weiterhin ihre Miete bezahlen können. Sie erinnert sich an den Frauenstreik vom vergangenen Jahr. «Keine Hausarbeiterin ist illegal» stand auf ihrer Schürze, mit der sie durch die Strassen Zürichs gezogen ist. «Damals fühlte ich mich wie ein freier Vogel», sagt sie. «Es war sehr bewegend zu sehen, dass wir Frauen uns auch selber vorwärts bringen können. Dass wir alle gleich sind und die gleichen Rechte haben.» Was Fany will? Dass sich nach der Krise die Situation für Sans-Papiers ändert. Dass sie endlich regularisiert werden.

Fanys Hochzeit findet in Bolivien statt. Wieder zurück in Zürich, steht neben dem Türklingelknopf Fany auf dem grauen Namensschild. Fany Flores. Ihr stockt der Atem, als sie dies sieht. Sie merkt: «Alle tun ständig so, als wären wir Sans-Papiers nicht da, man schaut nicht hin. Doch jetzt bin ich jemand, ich bin sichtbar.»


Teil 1 der Serie «Ein Jahr nach dem Frauenstreik»: Zu Besuch in der Villa Lila

Teil 2 der Serie «Ein Jahr nach dem Frauenstreik: «Und jetzt kommt die Krux: Diese Frauen haben keine Zeit, um zu kämpfen»

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