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Alle klagen, sie gehen hin - Flüchtlingshelfer in Idomeni

23. März 2016


Irgendwann wird dich jemand fragen, was du während der Flüchtlingssituation getan hast. Das ist die Geschichte von vier Menschen, die das blosse Zuschauen nicht mehr ertragen haben. Wir haben mit vier Freiwilligen gesprochen, die auf eigene Kosten nach Idomeni gereist sind, um etwas gegen das Elend vor unserer Haustür zu tun. Denn die Situation hat sich trotz medialer Aufmerksamkeit nicht verbessert.

10'000 bis 15'000 Menschen sind in Idomeni und können nicht weiter und schon gar nicht zurück. Vor ihnen liegen verschlossene Grenzen, hinter ihnen Krieg und die tragische und gefährliche Flucht. Europa lässt Griechenland mit den Flüchtlingen alleine. Die griechische Regierung ist überfordert. Hilfsorganisationen wie die UNHCR und Ärzte ohne Grenzen leisten vor Ort Nothilfe, haben jedoch zu wenige Helfer und es fehlt an Ausrüstungen. Dort wo weitere Hilfe notwendig ist, springen oft Freiwillige in die Bresche.

 

Familienferien abgesagtAM3U0415

Eigentlich wollte Matthias Keller mit seiner Familie in die Ferien fahren. Stattdessen ist der Hausarzt aus Degersheim, SG seit einer Woche in Idomeni. «Ich habe mit meiner Frau entschieden, dass es momentan Wichtigeres zu tun gibt. Irgendwann werden meine Kinder fragen, was ich zur Zeit der Flüchtlingskrise gemacht habe. Dann will ich sagen können, ich habe das Möglichste getan.»

Ohne einen genauen Plan ist Matthias Keller nach Idomeni gereist. Inzwischen hat er sich der Organisation Off Track Health angeschlossen. «Ich untersuche in wenigen Stunden um die 300 Personen.»

Am ersten Tag ist er daran fast verzweifelt: «Zwei von drei Kinder, die zu mir kamen, hatten eine Lungenentzündung. In der Schweiz hätte ich sie sofort ins Spital eingewiesen. Hier bleibt mir nichts anderes übrig, als ihnen Antibiotika zu geben und dann gehen sie zurück ins Zelt.»

«Wenn ich zu Hause Tiere so halten würde, wie diese Menschen hier leben, dann hätte ich den Tierschutz am Hals. Das ist eine Schande für Europa.» Für Matthias ist es unverständlich, warum das Rote Kreuz nicht vor Ort ist. Das sollte sich aber bald ändern. Ab dieser Woche wird das Rote Kreuz zwei Gesundheitsstationen in Idomeni aufbauen.

 

Job unterbrochenIMG_2293

Maddie Williamson ist 21 und studiert in den USA Operationsaal-Krankenschwester. Sie ist halb Schweizerin und seit einer Woche in Griechenland. Um in Idomeni zu helfen, hat sie ihren Job für einen Monat an den Nagel gehängt. «Ich hatte etwas Reisegeld auf der Seite, das habe ich jetzt für diesen Monat hier in Griechenland gebraucht.»

Die fehlenden Ressourcen in Idomeni haben Maddie geschockt. Es fehlt alles für gute medizinische Hilfe. Über dem Camp hängt ständig schwarzer Rauch. «Es ist mir extrem eingefahren, wie machtlos wir diesem Elend gegenüber stehen.» Fast alle Menschen hier leiden an Durchfall. Einige Helfer vermuten, das könnte am Schlamm und den Tümpeln liegen, die inzwischen fast überall auf dem Campboden zu finden sind. Kinder spielen mit dem Schlamm und  es gibt zu wenige Toiletten im Camp. Die fehlende Hygiene scheint neben der Kälte einer der  Hauptgründe für die vielen Krankheiten zu sein.

Maddie erfasst die Patienten, die bei Off Track Health Hilfe suchen. Oft hilft sie auch beim Verarzten mit, denn die Leute bräuchten ein Vielfaches von dem, was die freiwilligen aber auch etablierten Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen in Idomeni leisten.

 

Dokumentieren, was Europa zulässt AM3U0426-2

Daniel ist Fotograf und seit wenigen Stunden in Idomeni. Er dokumentiert, was hier geschieht. Er hat die Bilder zu diesem Beitrag gemacht. Die Rolle der Medien, die über die Flüchtlingskrise und Idomeni berichten, sieht er gespalten. «Es ist nötig, dass man von hier berichtet. Aber trotz den zahlreichen Berichten passiert nichts. Europa verweigert die Hilfe.» Oft stösst er beim Bildermachen an eine Grenze: «Ich sehe ein Kind, das vor Schmerz schreit. Da könnte ich draufhalten und hätte ein starkes Bild, dabei möchte ich ihm doch helfen. Aber was kann ich machen?»

Daniel gerät beim erzählen in Rage. Europa muss Soforthilfe leisten. Die Schweiz muss Hilfe nach Idomeni schicken. Viele haben halt einen Job und Verpflichtungen. Aber wir haben unbewaffnete Sanitätssoldaten, den Zivilschutz und Zivildienst, die müssten doch helfen.

Für seine Dokumentation hängt sich Daniel dem medizinischen Team sowie einer Gruppe, die Essen verteilt, an. Nur dokumentieren ist für Daniel aber nicht möglich. Innert kürzester Zeit hilft auch er mit: Er schickt Leute zum Arzt, hilft beim Verteilen der Essen mit. Sein Einsatz in Idomeni ist kurz. Es ist sein zweiter innerhalb eines Monats. Noch vor Ort plant er bereits die nächste Mission. Einmal gesehen kann er die hustenden Kinder auch zurück in Zürich nicht vergessen. Darum gibt es nur eine mögliche Option für ihn: Zurück, um zu helfen.

 

Täglich 1500 Päcklein gegen Hungermatthias_balmer

Matthias Balmer ist seit 20 Tagen in Idomeni. Er ist einem Freund gefolgt, der seit fünf Monaten in Flüchtlingsprojekten in Griechenland hilft. In einer Gruppe von zwei Schweizern, einem Franzosen und einer Dänin verteilt Matthias den Flüchtlingen Hummus-Wraps auf eigene Faust. Sie nennen sich Hummus Rights Project. Matthias hat soeben sein Studium abgeschlossen. Statt gleich einen Job zu suchen, ist er nach Griechenland gereist.

«In den Medienberichten ist das schwierig zu erkennen, aber diese Leute sind wie du und ich. Die Situation hier ist prekär: Die Leute sitzen im Schlamm. Es hat zu wenig von allem. Alle haben dauernd kalt. Diese Menge von Leid auf diesem kleinen Platz ist kaum vorstellbar.»

Die Wohnungspreise rund um Idomeni sind explodiert. Das macht das Helfen für die Freiwilligen vor Ort schwierig, oder zumindest teuer. Matthias kommt selber für Auto, Wohnung und sein Essen auf. Das verteilte Essen versucht die Gruppe über Spenden zu finanzieren.

«Das Leid hier lockt leider auch Leute an, die in den Flüchtlingen ein Geschäft sehen. Sie verkaufen Produkte zu überteuerten Preisen.» Aber auch gerade von der lokalen Bevölkerung kommt viel Hilfe, meint Matthias. Die Hilfe von kleinen, freiwilligen Gruppen schätzt Matthias als sehr wichtig ein. Sie helfen dort, wo die grossen Organisationen nicht hinkommen. So verteilt seine Gruppe Essenspäckli an Leute, die nicht mehr vier bis fünf Stunden für etwas Nahrung in den Schlangen stehen können, weil ihre Kraft dazu nicht mehr ausreicht.

Warum tun die das? Man fragt sich, warum Europa nichts tut. Ist Europa nicht mindestens dafür verantwortlich, was auf eigenem Boden passiert? Europa hat Pflichten durch die Menschenrechte, macht diese aber durch Nichthandeln zu optionalen Menschenrechten. Die vier porträtierten Flüchtlingshelfer sind losgezogen. Wenn die Politik versagt, dann machen sie Europas Job. Sie verzichten auf Familienferien, schlafen in der Kälte, bezahlen den Einsatz in Idomeni aus eigenem Sack. Für die Vier ist Mitgefühl und entsprechendes Handeln nicht optional.

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Spende den beiden Gruppen: Off Track Health - Moria Medical Center Hummus Rights Project

Copyright der Bilder: Daniel Pochetti



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