Alle Jahre wieder – Für Weihnachten zurück in die Heimatstadt

Es begab sich aber zu der Zeit, dass sich alle Exil-Stadtzürcher*innen aufmachen, in ihren Geburtsort zu pilgern, um dort auf ihre verflossenen Primarschul-Lieben zu treffen und den Weihnachtstraditionen aus der Heimat zu frönen.
20. Dezember 2018

Junge Menschen bepackt mit Sack und Pack besteigen den Interregio, den Intercity oder die S-Bahn. Sie fahren in die Stadt oder das Dorf, wo sie aufgewachsen sind und wo ihre Eltern jetzt noch wohnen, um dort – alle Jahre wieder – Weihnachten zu verbringen. In ihren Gesichtern spiegelt sich die Vorfreude auf Tage, an denen sie nicht selbst dafür sorgen müssen, dass der Kühlschrank gefüllt ist und sie sich wieder wie Teenies fühlen können. Dieses Szenario ist um den Mittag des 24. Dezember am Hauptbahnhof Zürich zu beobachten. Und ich bin Teil davon.

Wegen beschränkten Ausbildungsangeboten sind viele meiner Freund*innen nach der Matura vor mittlerweile sieben Jahren von St.Gallen nach Zürich gezogen und geblieben. Zusammen treten wir die Reise in die Heimatstadt an. Doch nicht nur den St. Galler*innen geht es so. So gibt es in Zürich eine Thurgau-Fraktion, die Ticinesi oder die Bündner*innen. Über die Weihnachtstage bleiben all ihre Betten in den WG-Zimmern dieser Stadt kalt, denn sie tauschen sie für ein paar Tage gegen ihr schmales Kinderbett in ihrer alten Heimat aus.

Der fliegende Tannenbaum

Der Zug fährt in St.Gallen ein. Aus Nostalgiegründen und auch weil noch etwas Wichtiges fürs Festmahl fehlt, besuchen wir die Migros Neumarkt, eine legendäre Filiale. Dort haben wir jeweils Proviant fürs Openair St.Gallen eingekauft. Dem «Neumarkt» hat der St.Galler Musiker Manuel Stahlberger sogar einen eigenen Song gewidmet.
Danach schlendern wir durch die Altstadt. Gleich wie Zürich hatte auch St.Gallen so seine Probleme mit der neuen Weihnachtsbeleuchtung. Sie heisst «Aller Stern» und sieht aus wie ein Meer aus überdimensionierten pulsierenden Viren, die die Gassen fluten. Jeder der jeweils vierzehn Strahlen eines Virus kann einzeln angesteuert werden. Die 3,8 Millionen Franken teure Beleuchtung ist zu Beginn nicht bei allen gut angekommen.

Eine weitere Weihnachtstradition ist der riesige Tannenbaum auf dem Klosterplatz. Heuer misst er 17 Meter und wiegt 3.5 Tonnen. Wie jedes Jahr wurde er per Helikopter aus einem Garten dieser Stadt angeflogen. Das diesjährige Exemplar hat Olga Steiner gespendet, für sie gehe damit ein lang gehegter Traum in Erfüllung.

So sieht ein fliegender Tannenbaum aus.

Rotes Tannenbaumfest oder DJ Set der Lokalmatadoren?

In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember steigen in den Bars und Clubs dieser Stadt Parties wie wohl in jeder anderen Stadt. Wann sonst, wenn nicht an diesem Abend sind doch endlich wieder mal alle in der Stadt und werden sich sehen. Ob sie wollen oder nicht. Im «Schwarzen Engel» steht ein DJ Set der Lokalmatadoren Wassily, DJ Burrburrito und DJ Moruk an. Der «Engel» ist eine genossenschaftlich geführte Beiz und im Winter ist dort ein «Turboruss», ein Gemisch aus heissem Apfelsaft und Wodka, besonders zu empfehlen. Im Innenhof des «Engel» haben wir schon als Teenager*innen abgehängt und «Klöstis» (Klosterbräu, ein dunkles Bier aus der lokalen Brauerei Schützengarten) gebechert – damals als eine Stange noch weniger als 4 Franken kostete.

Die Grabenhalle lädt zum «Roten Tannenbaumfest». In der Mitte steht ein Pingpong-Tisch und zu den Bässen von «DJ aus Berlin» (eigentlich aus St.Gallen) wird dort Rundlauf gespielt. «Alles was (k) einen Rang und Namen hat, trifft sich wieder in der Stadt und will sich sehen[...] », bringen sie es in der Veranstaltungsbeschreibung auf den Punkt. Vor ein paar Jahren habe ich an dieser Party eine, die vier Jahre mit mir zur Schule ging, mit dem Namen ihrer Schwester begrüsst...

Wer weiss, vielleicht steigt ja auch noch im Palace eine Weihnachtssause. Oder wir gehen an die «Techno ist uns heilig»-Party. Die «Grabe», der «Engel» und das «Palace» liegen übrigens alle in einem Umkreis von weniger als 200 Metern. Vielleicht auch ein Grund, warum bei Leuten aus kleineren Städten die Fomo nicht so ausgeprägt ist wie bei den Stadtzürcher*innen.

Der letzte Bus fährt um halb eins
Egal für welchen Event wir uns entscheiden, an jedem trifft man – gut gesättigt und angetrunken vom Weihnachtsessen – auf all die Leute, die man übers Jahr hindurch ein bisschen vergessen hat und die in der ganzen Schweiz verstreut leben. Man lässt mit ihnen Erinnerungen aus der Teeniezeit aufleben, denkt an den Mathelehrer zurück, der die Geburtstage aller Schüler*innen auswendig kannte und wenn in seinem Unterricht das Wort «Scheisse» fiel, musste man einen Kuchen mitbringen. Dabei lassen wir unseren Dialekt eskalieren. Denn hier sagen dem Bier alle «Bio».

Früher als Teenie hatten wir hier alles, was wir brauchten: Freund*innen, Clubs und jeden Sommer ein Open Air vor der Haustüre. Jetzt, wo wir erst einmal in den Genuss des Zürcher Kulturangebots gekommen sind und uns daran gewöhnt haben, dass die meisten Cafés auch am Sonntag geöffnet haben, fällt es schwer, darauf zu verzichten. Zumal ja auch die meisten Freund*innen in Zürich wohnen.
Ein guter Grund wieder zurück zu ziehen, wäre der Wohnungsmarkt. Hier zahlst du 1500 Franken Monatsmiete für eine Jugendstilwohnung an bester Lage und musst der Verwaltung kein aufwändiges Tanzvideo schicken, damit du sie bekommst. Dafür fährt hier unter der Woche weder Tram noch Bus nach halb eins.

Wer nach dem Ausgang den Heimweg antritt, geht zu Fuss; Aber das macht nichts, diesen Weg sind wir früher immer schon gelaufen. Auf dem Heimweg fällt auf, wie wenig Verkehr es hier gibt. In den Strassen ist es gespenstisch ruhig und dunkel, man trifft kaum jemanden an.

Im Gegensatz dazu, wenn es hell ist. Denn dann begegnet man alle paar Meter Menschen von früher, die man nur schwer ignorieren kann. Und nach drei, vier Tagen an denen du in all deinen verflossenen Primarschul-Lieben und im Wildpark «Peter und Paul» deine Blockflöten-Lehrerin hineingelaufen bist – freust du dich wieder auf die anonyme «Grossstadt» und dass das Tram alle 5 Minuten fährt.

Titelbild: Seraina Manser

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