Sich ins Geschehen einzumischen ist oft der erste Schritt hin zu einer gesellschaftlichen Veränderung. (Illustration: Zana Selimi)

Aktivismus: Wenn eine Gesellschaft wachgerüttelt wird

Wie bilden sich aktivistische Gruppierungen? Ist gewaltvolles Handeln effektiver? Was ist «activism burnout»? Julia Grimm, die zu zivilgesellschaftlichem Engagement forscht, hat für Tsüri.ch diese Fragen beantwortet und ist der Meinung: «Alles ist politisch.»
28. April 2021
Redaktorin & Klima-Redaktorin

Sich für eine Sache einsetzen, die Gesellschaft bewegen, etwas verändern. Getrieben von diesem Wunsch rückten in den letzten Jahren aktivistische Gruppierungen immer wieder in den Fokus der Medien. Spätestens seit Greta Thunberg und «Fridays for Future» beinhaltet der Begriff «Aktivismus» einen gesellschaftlichen Status. Aktivist:in zu sein, gilt als en vogue – man bewegt sich irgendwo zwischen Nachbarschaftshilfe und Retter:in der Welt – und wird manchmal auch als Märtyrer:in einer ganzen Generation wahrgenommen. Doch so neu das Phänomen wirken mag, Aktivismus gab es schon lange vor der Klimakrise.

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Mobilisieren mit System

«Am Anfang eines aktivistischen Handelns steht meist ein Missstand oder eine subjektiv wahrgenommene Ungerechtigkeit», erklärt Julia Grimm. Die Nachwuchswissenschaftlerin forscht seit einigen Jahren zum Themenbereich der sozialen Bewegung und zivilgesellschaftlichem Aktivismus. In der Soziologie wird die Bewegung, wenn eine Gruppe gemeinsam aktiv wird, als «Social movement» bezeichnet. Gemäss Grimm gibt eine einzelne Person in der Regel einen Anstoss, aus dem dann eine soziale Bewegung, also eine Gruppe, die kollektiv handelt, folgen kann. Dabei müsse jedoch in jedem Fall eine kritische Masse von Involvierten erreicht werden, sodass die Bewegung dann auch Wirkung erzielen kann. Heisst konkret: Die Politik und Wirtschaft reagiert und passt unter Umständen ihr Handeln an.

Gewaltvolles aktivistisches Handeln kann eine hohe Medienwirkung erzielen, langfristig gesehen ist gewaltfreier Aktivismus jedoch definitiv zielführender.
Julia Grimm, Social-Movement-Forscherin

Im ersten Schritt gehe es jedoch darum, ein Problem zu identifizieren, so Grimm. Danach werde Forschung betrieben; «die Menschen wollen sich über das Problem informieren und dieses an die Gesellschaft herantragen.» Dabei ist laut der Forscherin vor allem eines wichtig: «Die Schlussfolgerung der Aktivist:innen muss evidenzbasiert sein, sprich auf empirischen Fakten beruhen. Fehlt die Glaubwürdigkeit, gerät eine soziale Bewegung schnell ins Stocken.» Aus diesem Grund hätten sich auch mit der Zeit professionelle Gruppierungen gebildet, wie beispielsweise die Non-Profit-Organisationen Amnesty International oder Public Eye, deren Kampagnenarbeit auf wissenschaftliche Kenntnisse basiert – und auf welche sie sich dann im Umkehrschluss auch jederzeit berufen könnten.

«Alles ist politisch»

Eine der ersten sozialen Massenbewegungen trat Mitte des 18. Jahrhunderts in England auf, als die damaligen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen kritische Stimmen in der Bevölkerung laut werden liessen. In der Literatur werden aber auch die Französische wie auch die Amerikanische Revolution genannt, bei welchen sich die breite Öffentlichkeit erstmals politisch wirksam zeigte. Der Autor Eugene Charlton Black schrieb 1963 gar davon, dass «moderne aussenparlamentarische politische Organisationen» ein Produkt des späten 18. Jahrhunderts seien. Egal, ob Arbeiter-, Sklavenbefreiungs- oder Frauenbewegung: Ziel war stets eine Veränderung eines rechtlichen oder sozialen Rahmens.

Seit der Corona-Pandemie wird Aktivismus vermehrt ins World Wide Web verlagert; gleich effektiv wie ein Streik sei dieser sogenannte «Cyber-Aktivismus» aber nicht, so Grimm. (Foto: Laura Kaufmann)

Ist Aktivismus also immer politisch? «Ich würde sagen: Alles ist politisch», vermutet Julia Grimm, «zumindest in unserem Rechtssystem.» Dadurch würde jede aktivistische Handlung am Ende politisch werden. «Wenn die Wirtschaft falsch agiert, dann weil die Politik etwas so oder eben anders regelt», sagt Grimm, die neben ihrer Forschung in Cambridge auch an der Universität Zürich tätig ist. Für sie ist jedoch Aktivismus, der die einzelnen Unternehmen anprangert, der effektivste Weg, um gegen die von den aktivistischen Gruppen wahrgenommenen Missstände vorzugehen. Dies könne einen Wandel auf internationaler Ebene vorantreiben. Der Vermutung, dass Aktivismus nur von Linken ausgeübt wird, widerspricht Grimm jedoch: «Meines Wissens nach können soziale Bewegungen links und rechts orientiert sein.» Bei bereits existierenden Bewegungen wie beispielsweise bei der Abtreibungsbewegung in Polen, wo Gegner:innen sowie Befürworter:innen mobilisieren, sehe man, dass es primär um die zugrundeliegenden Interessen gehe, die zweifelsohne in der ein oder anderen politischen Ideologie verankert seien.

Medien als Mittler

Wie eine Information von Aktivist:innen an die Gesellschaft herangetragen werden kann, dazu gibt es gemäss Literatur unterschiedliche Formen. Neben der Mobilisierung auf der Strasse als Demonstration oder Streik, seien in erster Linie medienwirksame Aktionen von zentraler Bedeutung. In der Forschung zu «social movement» sei die Frage «welche Form zu welchem Effekt führt?» eine der meist gestellten, bestätigt auch Grimm. Die Ergebnisse zeigen wenig überraschend: «Gewaltvolles aktivistisches Handeln kann eine hohe Medienwirkung erzielen, langfristig gesehen ist gewaltfreier Aktivismus jedoch definitiv zielführender», fasst die Forscherin zusammen. Aktivistische Gruppen würden sich oft im legalen Graubereich bewegen – und den Überraschungseffekt nutzen, erklärt Grimm, denn: «Medien spielen in sozialen Bewegungen eine wichtige Rolle. Sie sind ein Zwischenschritt der nötig ist, um Politik und Wirtschaft zu erreichen.»

Gemäss aktuellen Studien ist jedoch etwas anderes der Hauptgrund, weshalb sich Menschen wieder aus dem sozialen Engagement zurückziehen. «Activism burnout», lautet die Bezeichnung von Aktivist:innen, die aufgrund Überarbeitung ihre aktivistische Tätigkeiten aufgeben. Zwar gibt es noch keine offiziellen Zahlen, die das Ausmass aufzeigen würden. Julia Grimm bestätigt aber, dass bei Befragungen von Proband:innen immer wieder von Burnouts die Rede sei: «Der Druck auf die Individuen etwas zu leisten, sich aufzuopfern, ist in einer sozialen Bewegung enorm.» Dieser komme nicht wie vermutet von aussen, sondern oft von Mit-Aktivist:innen innerhalb einer Gruppe. Trotzdem, so scheint es, bleibt Aktivismus beliebt. Denn der Wunsch, etwas in der Gesellschaft zu verändern, ist grösser denn je.


Wir gehen mit der Zeit und verwenden neu den Gender-Doppelpunkt anstelle des Gendersterns. Das sieht nicht nur schöner aus, sondern ist auch inklusiver, da es maschinenlesbar ist und sich dadurch sehschwache Menschen den Text vorlesen lassen können.

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