💌 «Züri Briefing» 💌

Übriggebliebenes von der Abstimmung im vergangenen November. (Alle Fotos: Jenny Bargetzi)

«Riesenprojekt» Thurgauerstrasse: Anwohner*innen wünschen sich mehr Partizipation

Am 7. März stimmt die Zürcher Stimmbevölkerung über den 78 Millionen-Objektkredit für eine Schulanlage und einen Quartierpark auf dem Areal Thurgauerstrasse in Seebach ab. Das Projekt soll auf auf der letzten grossen Baulandreserve Zürichs entstehen. Bereits im November war Tsüri.ch auf Quartierbesuch. Was hat sich in der Zwischenzeit geändert? Und wie gehen die Gegner*innen mit der Annahme des Gestaltungsplans um?
22. Februar 2021
Praktikantin Redaktion

Es ist ein Freitagmorgen im Februar, ein eisiger Wind zieht durch das Quartier zwischen der Thurgauerstrasse und Grubenackerstrasse in Zürich-Seebach. Zu hören sind die vorbeifahrenden Autos und Trams. Ab und zu auch ein Zug, der Oerlikon mit Opfikon und Glattbrugg verbindet. Zu sehen sind nebst Einfamilienhäusern sorgfältig gepflegte Schrebergärten, die unter der Schneedecke auf den Frühling warten. «Familiär» ist das Wort, das einem beim Anblick der gesamten Siedlung in den Sinn kommt.

Dieser Begriff mag momentan noch passen, ob er dem zukünftigen Quartier aber gerecht wird, darüber lässt sich streiten. Denn in den nächsten zehn Jahren sollen auf der 65’000 Hektar grossen Fläche ein Schulhaus für 18 Klassen und zwei Kindergärten, ein Quartierpark sowie 700 preisgünstige Wohn- und Gewerberäume für 2000 Menschen entstehen.

Ein Riesenprojekt, dessen Testplanungsprozess bereits im 2014 startete. Als «ein lebendiger und gut durchmischter Quartierteil» beschreibt das Hochbaudepartement der Stadt Zürich das zukünftige Areal. Bereits im November 2019 bewilligte der Gemeinderat den Gestaltungsplan des Teilgebiets B Schule/ Quartierpark. Der Gestaltungsplan des Teilgebiets A und C-F Wohnen/Gewerbe verzögerte sich aufgrund eines Referendums der Interessensgemeinschaft Grubenacker. Letztere fanden, dass es die Politik verpasst habe, den Prozess der Entwicklung des Gestaltungsplans moderierend zu gestalten. Ein Prozess, den sie gerne mitgestaltet hätten. «Wir haben das Gefühl, dass die Stadt dieses Projekt einfach durchziehen will. Sinnvoller wäre gewesen, zuvor gemeinsam eine Auslegeordnung vorzunehmen, wie das ganze Gebiet zwischen Thurgauerstrasse und Bahnlinie neu gestaltet werden könnte», sagte Christian Häberli, Präsident des Vereins IG Grubenacker, kurz vor der Abstimmung im vergangenen November gegenüber Tsüri.ch.

Kurz danach war klar: Der Gestaltungsplan wurde an der Urne angenommen. Wir haben Häberli vor wenigen Tagen erneut getroffen. Auf das Abstimmungsergebnis angesprochen sagt er: «Ja, natürlich waren wir enttäuscht, dass das Referendum nicht durchgekommen ist. Aber mit den gut 40 Prozent Nein-Stimmen haben wir einen guten Erfolg erzielt. Die Diskussion wurde noch einmal angestossen.»

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Damit sind verschiedene Aspekte gemeint, die die Mitglieder der IG Grubenacker in einem Manifest festhalten. Was sie noch immer fordern, ist eine ganzheitliche Planung und kooperative Beteiligung der Entscheide und Umsetzung an dem neuen Quartierteil. Unterstützung erhalten sie dabei von den Grünen, der AL, der EVP und der Arbeitsgruppe Raumplanung Zürich.

Abstimmung am 7. März

In der kommenden Abstimmung vom 7. März geht es aber nicht mehr um das Wohn- und Gewerbegebiet, sondern um die Kreditbewilligung des Teilgebiets B, das die Schule und den Quartierpark miteinschliesst. 78 Millionen Franken soll der Bau der neuen Schulanlage mit angrenzendem Park kosten. Dass Schulraum benötigt wird, ist unbestritten, stellt Jürg Sulzer, Professor für Stadtumbau und Stadtforschung an der TU Dresden klar. Genauso macht auch der Ort der neuen Anlage Sinn. Was fehlt, sei aber die Qualität. Gleicher Meinung ist auch die IG Grubenacker, die in ihrem Manifest weitere Punkte nennt, die für die vernünftige Verdichtung der Stadt Zürich noch zu lösen sind: die Grösse des Schulhauses, die Schulwegsituation und die Umsetzung des Freiraumkonzepts.

Die Botschaft der Anwohner*innen des Grubenackerquartiers ist klar: «Mir wänd, dass es guet chunnt».

Zukunftsorientiertes Denken ist gefordert

Obwohl das Schulhaus für 18 Klassen und 440 Schüler*innen Platz bietet, sei dies in der langfristigen Perspektive betrachtet zu wenig, meint Häberli. «Auf der rechten Seite der Grubenackerstrasse sind 700 Wohnungen für 2000 Leute geplant. Dazu eine Schule für 18 Klassen und zwei Kindergärten für Schüler*innen aus dem Gebiet Leutschenbach-Mitte, Leutschenbach-Kopf und Thurgauerstrasse. Auf der linken Seite der Strasse, dem bestehenden Grubenackerquartier, hat es baulandtechnisch fast genauso viel Platz. Bei der Schulhausplanung ist dies nicht berücksichtigt und es hat kaum Reserven zur Erweiterung.» Die Planung sei darum zu wenig nachhaltig und nicht langfristig, meint Häberli. Laut einem Bericht vom «Tagesanzeiger» diene der Allwetterplatz der Schulanlage jedoch als Reserve, falls die Schule dereinst erweitert werden müsse.

Mit kritischen Augen betrachten die Anwohner*innen auch die Situation des zukünftigen Schulweges. Die Schüler*innen müssen vom östlich liegenden Leutschenbachquartier die dicht befahrene Thurgauerstrasse überqueren. Das Unfallrisiko sei gross, ist sich Häberli sicher. Als Lösung für mehr Sicherheit bei der Strassenüberquerung prüft das Tiefbauamt die Erstellung einer Passerelle. Diese führte auch im Gemeinderat zu Diskussionen und wurde schliesslich abgelehnt. Ein ebenerdiger Übergang sei zwar möglich, meint Häberli und bezweifelt aber, dass dies die sicherste Lösung sei. «Die Diskussion auf den Autoverkehr zu beschränken ist zu eindimensional. Die wirklich gefährlichen Unfälle sind in der Vergangenheit mit dem Tram passiert» so Häberli. Eine Alternative gäbe es bisher aber noch nicht. Die zuständige Behörde konnte für eine Stellungnahme nicht erreicht werden.

Quartierpark: Mehr ein Nacheinander statt Miteinander?

Vorausschauend müsse man auch betreffend dem Quartierpark sein. Der Park, der an die Schule angrenzt, hat das Ziel, die Freiraum- und Erholungsbedürfnisse der Anwohner*innen abzudecken als auch den Schüler*innen der Schule zur Verfügung zu stehen. Die IG Grubenacker sieht darin die Gefahr eines Nutzungskonflikts. Dagegen argumentiert Kurt Gfeller, Projektleiter des Quartierparks: «Die Nutzungsüberlagerung betrifft nur das Rasenspielfeld. Während den Schulzeiten – an den Wochentagen und tagsüber – werden die Schüler*innen mit dem Schulturnen den Vorrang haben».

An Mittwochnachmittagen, Abenden und Wochenenden sei aber schulfrei. Zu diesen Zeiten liegt die Priorität bei den Anwohner*innen. Ob die Schüler*innen ansonsten den schulinternen Pausenplatz verlassen dürfen, um in den Park zu gehen, sei natürlich die Entscheidung der Schule. Das Modell entstand als Folge der knappen Platzverhältnisse der Stadt und wurde bereits bei anderen Schulanlagen mit angrenzendem Park realisiert, so zum Beispiel bei dem Schütze-Areal oder Pfingstweid.

Die Schrebergärten sollen einem neuen Schulhaus mit Quartierpark sowie Wohn- und Gewerberäumen weichen.

Für rund 12’000 Quadratmeter Grün im Park sind diverse Neu- und Ersatzbepflanzungen vorgesehen, jedoch keine Begrünung von Dachflächen oder Fassaden. Die Gegner*innen befürchten dadurch einen sterlien Park, anstelle einen mit mehr Biodiversität. Gfeller sieht das Problem nicht: «Momentan ist es noch ein Plan und da spürt man die Stimmung nicht heraus. Der Park wird mit einem klar vorgegebenen Grundgerüst erstellt. In diesem Rahmen kann sich der Park dann nach Bedarf weiterentwickeln. Gewisse Bereiche können verändert und neue Elemente hinzugefügt werden.» Das sei ein Grund gewesen, wieso das Projekt Terra Nova am Ende das Rennen gemacht habe. Es verfolge den Ansatz, dass sich der Park mit dem wachsenden Quartier weiterentwickeln könne.

Erhalten bleiben soll aber das alte Schützenhaus. Nach Einspruch der Anwohner*innen wurde es wieder in den Plan aufgenommen und soll zukünftig als Treffpunkt für die Quartierbevölkerung, Familiengärtner*innen und Vereine dienen.

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Offen für Neues – aber gemeinsam und vorausschauend

Diese Bereitschaft der Stadt zur echten Partizipation wünscht sich Häberli auch in den anderen Bereichen. Denn nebst den zwei Veranstaltungen, an denen die Anwohner*innen ihre Position aufzeigen konnten, habe sich in der Zwischenzeit nicht viel geändert, sagt der IG-Präsident. Erhofft haben sich die Quartierbewohner*innen mehr. Es sei besonders wichtig, ein gegenseitiges Verständnis zu bekommen und eine gemeinsame Basis zu erarbeiten, meint Häberli. «Die Leute mit ins Boot holen, Akzeptanz schaffen. So würde ich es auf jeden Fall tun.»

Denn auch Häberli sieht das Potenzial im Quartier: «Es macht schon Sinn, dass dieses gut erschlossene Gebiet als Lebensraum genutzt wird» bestätigt Häberli, «jedoch sind viele wichtige Aspekte in der Planung nicht berücksichtigt worden.» So seien Konflikte absehbar. Trotzdem seien keine Begleitmassnahmen getroffen worden, wie diese umgangen werden könnten. Eine «technokratische Verdichtung», wie Häberli die Überbauung Thurgauerstrasse nennt, kein attraktiver Name für den zukünftigen Wohn- und Lebensraum. Darum läge es an der Quartierbewohner*innen, den Prozess kritisch weiter zu begleiten und Vorschläge zu machen.

Wichtig sei aber, sich konstruktiv einzubringen, betont Häberli. «Man ist nicht immer der gleichen Meinung, das muss man auch nicht. Es geht um den Diskurs.» Denn: dadurch hat sich bereits Vieles ergeben. So geht es der IG Grubenacker vor allem darum, den «Groove» des Quartiers beizubehalten. «Die Kinder sollen draussen spielen dürfen, durch die Gärten rennen. Sie sollen auch später noch wissen, wo sie die Spielsachen beim Nachbar finden, wenn die Erwachsenen sich wieder einmal etwas zu lange unterhalten. Das ist es, was das Quartier ausmacht», erklärt Häberli. Das Familiäre eben.

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