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«Abseiz» – ein Blick in die Welt der Ultras und Hooligans

Fanmärsche, brennende Pyros und Reibereien mit der Polizei – mit Ultras und Hooligans verbinden die wenigsten von uns positive Bilder. Michael Kyburz’ Webserie «Abseiz» gibt Einblick in eine Subkultur, die weit übers Fussballstadion hinausgeht.
27. Mai 2019

Als Ultra oder Hooligan sein ganzes Leben dem Club zu widmen bedeutet mehr, als einfach Fussballfan zu sein. Im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste widmete sich Michael Kyburz dieser Subkultur am Rande der Gesellschaft. Entstanden ist eine interaktive Webserie mit drei Erzählkanälen: Ein Ultra, ein ehemaliger Hooligan sowie ein Szenekenner der Stadtpolizei Zürich teilen ihre Erfahrungen aus der eigenen Perspektive.

Im Interview beantwortet Michael Kyburz unsere drängendsten Fragen.

Du bezeichnest dich selbst als «normalen Fan». Weshalb hast du für dieses Thema einen solchen Aufwand betrieben?

In den letzten Jahren war ich nur zwei- bis dreimal im Stadion. Ich interessiere mich aber generell für Sport und Fussball. Ultras sind ein Thema, das äusserst kontrovers ist und in den Medien sehr einseitig behandelt wird. Es ist immer nur von Hooligan- oder Fussballchaoten die Rede, was nur schon von der Begrifflichkeit nicht richtig ist. Ich will mit meiner Arbeit die Seite sprechen lassen, die sonst niemand betrachtet und die normalerweise nicht gefragt wird.

Wie hast du es geschafft, an Leute ranzukommen, die bereit waren, mit dir zu sprechen?

Es ist Mitgliedern der Szene grundsätzlich nicht erlaubt, mit Aussenstehenden zu sprechen. Erst habe ich via Vereinen nach Kontakten gefragt, bin aber überall abgeblockt worden. Als ich selbst Facebook- und Instagramaufrufe startete, entstanden erste kleine Kontakte. Auch bei Kampfsportclubs und über die Polizei habe ich Leute gefunden. Von etwa 100 Anfragen erhielt ich nur von 15 bis 20 Personen überhaupt eine Antwort – noch keine Zusagen!

Es war unglaublich aufwändig, bis ich jemanden persönlich treffen konnte. Manche Leute habe ich getroffen, eineinhalb Stunden mit ihnen gesprochen – und obwohl sie beim ersten Gespräch sehr positiv klangen, waren sie zwei Wochen später von der Bildfläche verschwunden und haben sich nicht mehr gemeldet. Ich wurde überall blockiert oder gelöscht. Trotz dieser Rückschläge bin ich hartnäckig geblieben. Alle Kontakte, die nicht komplett abgeneigt waren, habe ich auf ein Bier eingeladen, um ein erstes unverbindliches Gespräch zu führen. Wichtig war, dass ich erklären konnte, dass ich in meinem Projekt Leute aus der Szene selbst sprechen lassen möchte, damit eine neutrale Berichterstattung, aber aus der Sicht der Szene möglich ist.

Auffällig ist, dass in der Dokumentation nur von Männern die Rede ist. Gibt es auch weibliche Ultras?

Die Szene ist klar von Männern geprägt. Zwar gibt es in der Kurve auch Frauen – ich weiss aber nicht, ob diese zu den Ultras gehören oder auch Teil von Gruppierungen sind. Alle meine Kontaktpersonen waren männlich und in keiner von ihren Erzählungen wurden Frauen erwähnt. Speziell wenn es um Gewalt geht, bin ich bei der Recherche nie darauf gestossen, dass sich Frauen beteiligen. Ich denke das funktioniert es schon daher nicht, «weil man Frauen nicht schlägt».

Hat sich für dich ein Muster herauskristallisiert, aus welcher gesellschaftlichen Schicht, welchem Milieu oder welcher Herkunft die Ultras stammen?

Auf diese Frage habe ich bei der Recherche ganz unterschiedliche Antworten erhalten. Viele sagen, es kann jeder ein Ultra sein – auch ein Anwalt. In der Kurve «sind alle gleich». Jedoch meinten auch viele der älteren Kontakte, dass ein Generationenwechsel stattgefunden hat. Laut ihnen ist auch heute noch jeder willkommen, aber die neue Generation ist zunehmend ausländerlastig und es herrscht eine andere Gewaltbereitschaft.

Dient der Sport den Ultras als «Ersatzreligion»?

Ob «Religion» das richtige Wort ist, bin ich nicht sicher. Fussball ist aber klar der Mittelpunkt ihres Lebens, alles dreht sich um den Club. Die ganze Woche denken sie ans Wochenende, wenn sie ihre Fanjacke anziehen und Dampf ablassen können. Viele verstehen darunter aber mehr, als in der Kurve 90 Minuten für Stimmung zu sorgen, sondern auch vor und nach dem Spiel ihr Team zu vertreten. «Wenns klöpft, dann klöpfts». Zwar immer nur mit anderen, die das auch wollen, aber trotzdem war ich überrascht, wie viele meiner Kontaktpersonen offen für Gewalt sind.

Die Szene ist also offen gewalttätig – wenn auch in einem gewissermassen geregelten Rahmen.

Lieber auf dem Feld, einigermassen fair, wo es niemanden, der nicht dabei sein will, stört und es keine Schaulustigen gibt. Jede*r muss irgendwo ein Ventil haben. Ich persönlich finde es in Ordnung, wenn sie sich unter Gleichgesinnten auf dem Feld treffen und sich dort nach ihren Regeln und ihrem Kodex die Köpfe einschlagen.

Vor gut zwei Wochen machten GC-Ultras Schlagzeilen, als sie ihre Spieler aufforderten, T-Shirt und Hosen auszuziehen, weil sie dem GC-Shirt nicht mehr würdig seien. Wie beurteilst du ein solches Fan-Verhalten?

Es ist völlig legitim, dass Fans, die zu jedem Spiel gingen und mit ansehen mussten, wie ihr Club zugrunde geht, vom Team eine Entschuldigung erwarten. Meiner Meinung nach haben die Fans aber eine Grenze überschritten. Zwar haben sie niemandem etwas zuleide getan, ihre eigenen Spieler aber schwer gedemütigt. Klar können in so einer Situation die Emotionen auch einmal überkochen, aber so etwas von den Spielern zu verlangen und einen Spielabbruch erzwingen, ist kein würdiger Abschluss für GC und wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Die komplette Webdoku mit allen Video-, Text- und Audiobeiträgen findest du auf Abseiz.ch kostenlos zugänglich.

Alle Bilder und Videos: Michael Kyburz

Praktikantin und Lektorat

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