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Ab wann ist Aktivismus zu extrem?

Eine Gesellschaft wachrütteln, sie zum Denken anregen und im besten Fall verändern. Aktivismus ist wichtig und gehört zu unserer Demokratie dazu. Doch wo kippt der Aktivismus in den Extremismus? Wir haben mit Expert:innen darüber gesprochen.
05. Mai 2021
Praktikantin Redaktion

«Radikalisierung» und «Extremismus» sind Wörter, die bei vielen Menschen bereits leichtes Unbehagen auslösen. In den Nachrichten wird von radikalisierten Personen berichtet, die sich in einer Gruppe anschliessen, um die gesellschaftlichen Strukturen zu zerrütten. Zur selben Zeit werden politisch aktive Gruppierungen nahezu beliebig von gewissen Personen öffentlich als radikal bezeichnet und schubladisiert. Andere scheinen an den Begriffen nahezu die Wirksamkeit ihrer Aktionen festzumachen. Doch wo sind die Grenzen zwischen politischem Aktivismus und Bestrebungen jenseits des legalen Spektrums?

Bedeutungsvielfalt in den unterschiedlichen Kontexten

Dirk Baier ist Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, kurz ZHAW. Er befasst sich schon seit mehreren Jahren mit dem Thema und weiss: «Der Begriff Extremismus ist sehr vielfältig.»

Prof. Dr. Dirk Baier, Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der ZHAW. (Foto: Dirk Baier)

Ist man trotzdem versucht, ihn an einer Definition festzumachen, dann nur unter der Berücksichtigung des dazugehörigen Referenzsystems. Denn: Personen, deren Handlungen in gewissen Ländern bereits als Bedrohung für die Regierung gelten, stellen sich anderweitig hinter den Schutz der Meinungsfreiheit. «Taten statt Worte» als Grundprinzip des Aktivismus, erhält unter manchen Staatsformen also ganz andere Bedeutungen.

Baier definiert den Extremismus wie wir ihn kennen aber nach drei Aspekten: Erstens würden extremistische Gruppierungen die Abschaffung der Demokratie verfolgen. Laut dem ZHAW-Professor lehnen sich Extremist:innen demnach gegen den Verfassungsstaat und die garantierten Rechte in einem Land auf. «An deren Stelle sehen sie eine andere Form der Staatlichkeit», so Baier. Rechtsextremist:innen würden meistens für einen ethnisch homogenen Staat unter autoritärer Diktatur kämpfen, Linksextremist:innen für eine herrschaftsfreie Gesellschaft und islamische Extremist:innen strebten einen Gottesstaat an.

Zweitens würde sich der Extremismus durch eine hohe Gewaltbereitschaft charakterisieren. Gewalt – sei es gegen Menschen oder Gegenstände – werde als Mittel anerkannt, um das Ziel einer alternativen gesellschaftlichen Ordnung erreichen zu können.

Als letzten Punkt nennt Baier die Feindesgruppen. Diese seien klar definierte Gruppen, die in den Augen von Extremist:innen einen gewaltvollen Angriff gegen sie erlaube.

Die Kraft der Gruppendynamik

Diesem Zustand des Extremismus geht der Prozess der Radikalisierung in Gruppen voran. Dabei herrsche schon hier eine starke Gruppendynamik, bestätigt Baier im Gespräch. Bei allen Extremismus-Arten gäbe es immer eine Form von Gruppenbildung. Die «Lonely Wolves», die alleine extremistische Taten begehen, gäbe es so eigentlich nicht. Auch diese Menschen hätten sich in irgendeiner Art und Weise mit anderen Kleingruppen vernetzt, bis es irgendwann zu einer Handlung käme. «Die Gruppendynamik ist essentiell, damit eine Person auch tatsächlich den nächsten Schritt in Richtung Extremismus geht», sagt Baier.

Alle Menschen haben eine eigene Perspektive im Leben, die man im Diskurs mit anderen aber erweitert. Extremistische Gruppen können das nicht.
Lea Stahel

Auch Lea Stahel vom Soziologischen Institut der Universität Zürich sieht das Gruppendenken als ein ausschlaggebender Faktor in der Radikalisierung und späterem Extremismus. Sie betont dabei die sogenannte Echokammer: «Bewegen sich Menschen nur noch in isolierten Gruppen lauter Gleichgesinnten, sind sie andauernd den ideologischen Meinungen ausgesetzt, die ihre eigenen widerspiegeln. Ihre Ansichten verstärken sich in der Folge und schaukeln sich gegenseitig auf.»

Oft würden Personen in solchen Bubbles rigide Denkmuster aufweisen, die zu einem Realitätsverlust führen können, weiss Stahel. «Personen in isolierten extremistischen Gruppen sind von einem einzig wahren Ziel überzeugt. Dass auch andere Perspektiven legitim sein könnten, kommt für sie nicht in Frage.»

Alle Menschen hätten bis zu einem gewissen Grad nur die eigene Perspektive im Leben, jedoch könne diese durch den Diskurs mit anderen erweitert werden. Gemäss der Soziologin haben das extremistischen Gruppen nicht, sondern würden sogar noch starke Selbstverstärkungsprozesse aufzeigen.

Gewisse Ideologien erscheinen sehr attraktiv, da sie einfache Lösungen bieten. Das erweckt das Gefühl von Sicherheit.
Lea Stahel

Die Flucht in eine einfachere Welt

Wieso Personen extreme politische Einstellungen und Ansichten anstreben, hat laut Stahel verschiedenen Ursachen. Nährboden würden aber Krisensituationen mit viel Unsicherheit und wenig klaren Lösungen bieten.

«Gewisse Ideologien erscheinen dann sehr attraktiv, da sie einfache Lösungen bieten», erklärt Stahel. «So kann es passieren, dass Menschen aus der komplexen Gesellschaft zu fliehen versuchen, um sich einer scheinbar einfacheren Ideologie anzuhängen. Das erweckt das Gefühl von Sicherheit.»

Die Verzweiflung sei dabei ein Schlüsselfaktor, erklärt Baier. «Manche Menschen versuchen Missstände wie Ungleichheit oder Unterdrückung zuerst mit Demonstrationen zu ändern. Wenn sie jedoch merken, dass sie damit nicht weiterkommen, kann es sein, dass Personen aus einer Art Verzweiflung in den Extremismus abrutschen.»

Dr. Lea Stahel vom Soziologischen Institut der Universität Zürich. (Foto: Claude Gasser)

«Sich aktiv für etwas einzusetzen, ist noch kein Extremismus»

Auf die Anfrage von Tsüri.ch, ob sich aktivistische Gruppen aus Zürich selbst als radikal oder extrem bezeichnen würden, haben sie nicht reagiert.

Baier aber weiss: «Viele aktivistische Gruppen in der Schweiz weisen keine extremistischen Merkmale auf. Denn ihr Ziel ist nicht die Abschaffung der Demokratie, sondern einen Umwelt-, Tier-, oder Personenschutz. Sie streben etwas anderes an als Extremist:innen.» Dazu kommt, dass meistens keine Gewaltakzeptanz da ist. Die Gruppen würden sich grösstenteils demokratischen Protestformen wie Besetzungen oder Demonstrationen bedienen, die meist ohne schwere Gewalt ablaufen. «Obwohl sie sich zum Teil an der Grenze des Illegalen bewegen, ist es eine wesentlich andere Form als die des Extremismus», so der Forscher.

Und dennoch, dass es auch in der Schweiz radikalisierte Gruppen gebe, sei Realität, betont er. Die Anzahl solcher Gruppierungen hätte sich zwar nicht dramatisch verändert, jedoch würden diese eine deutlich stärkere Präsenz zeigen, so Baier: «Es gibt neu Gruppen, die geschickt darin sind, sich zu präsentieren. Sie arbeiten im Vergleich zu früher nicht mehr klammheimlich an ihren Zielen, sondern setzen auf Taten und üben massive Formen von Gewalt aus.» Stahel bestätigt Baiers Annahmen: «Durch die starke mediale Präsentation mancher Gruppen sind die extremen ideologischen Positionen sichtbarer geworden – was nicht unbedingt impliziert, dass die physische Gewalt selbst zugenommen hat.»

Um Gruppe als radikal oder extrem zu bezeichnen, gehört gemäss den Aussagen der Expert:innen also mehr dazu, als Differenzen in der politischen Haltung.

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