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Bilder: Rahel Bains

Die neue Zwischennutzung bei der Hardbrücke: Zu Besuch in der Zentralwäscherei

In der Halle der ehemaligen Zentralwäscherei im Industriegebiet des Kreis 5 soll Kulturraum für alle entstehen. Dafür haben sich rund 30 Zürcher Kollektive wie zum Beispiel Urban Equipe, Blau Blau oder Extraleben zu einem Verein zusammengeschlossen. Doch wie soll die ZWZ einst funktionieren und aussehen? Tsüri.ch war am Samstag am «Tag der offenen Tür».
07. Juli 2020
Redaktorin

In der Zentralwäscherei Zürich (ZWZ AG) im Industriegebiet des Kreis 5 wurden von 1967 bis 2019 täglich 50 Tonnen Wäsche für Zürcher Spitäler und Heime gewaschen. Nun entsteht dort etwas Neues. Etwas, das nichts mit frisch gewaschener Wäsche zu tun hat.

Das Gebäude soll einst einem Hallenbad und Alterswohnungen weichen – doch bis mindestens 2026 will es die Stadt als Sporthalle und Raum für Kultur und Kreatives zwischennutzen. Im einen Turm sind bereits zahlreiche Ateliers bezogen und in einem Hallenteil der Shedhalle wird ein nicht-kommerzieller Veranstaltungsraum für Experimente, Austausch, Kooperationen und Kultur entstehen, umgesetzt und koordiniert durch den Verein Zentralwäscherei Zürich (ZWZ).

Dieser setzt sich aus circa 50 aktiven Mitgliedern und rund 30 Kollektiven, die in unterschiedlichen Bereichen angesiedelt sind zusammen; darunter die Urban Equipe, BlauBlau, Rhizom, Kombo und Kein Museum. Der Verein besteht laut Webseite aus «Künstler*innen, Musiker*innen, DJs, Hobbygärtner*innen, Köch*innen, Gastromenschen, Urbanist*innen, Architekt*innen, Sozialarbeiter*innen, Theaterschaffenden, Bastler*innen, Aktivist*innen, Utopist*innen, Enthusiasten, Machermenschen».

Die Zentralwäscherei 1980. Bild: ETH Bildarchiv

Gemeinsam statt gegeneinander

Erstere haben sich Anfang 2019 gemeinsam um den rund 1000 Quadratmeter grossen Kulturraum im Erdgeschoss des Gebäudes beworben – anstatt in gegenseitige Konkurrenz zu treten. Mit Erfolg: Vergangenen Frühling erhielten sie die Zusage und hoffen – sobald im Gemeinderat unter anderem über die Freigabe von 0,5 Mio. Investitionskosten entschieden ist – noch diesen Herbst mit dem Umbau beginnen zu können.

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Entstehen soll eine modulare Halle, die Platz bietet für Veranstaltungen und einen kleinen Gastro-Betrieb. Weil man die ZWZ künftig auch ohne Konsumation nutzen können soll, hat der Verein die Stadt, die ursprünglich 7090 Franken Miete pro Monat vorsah, bereits in der Bewerbung um einen Mieterlass gebeten. Bei der Zusage haben schliesslich die Raumbörse, welche die Halle ausgeschrieben hat, sowie das Sozialdepartement der Stadt den Mietererlass bestätigt. «Wir wussten von Anfang an, dass man den Raum nicht unkommerziell und grösstenteils ehrenamtlich nutzen, gleichzeitig aber einen Betrag in dieser Grössenordnung erwirtschaften kann», erzählen Kas Dedden und Lars Kaiser.

Die beiden sind seit der Gründung im Verein aktiv. Am Tag der offenen Tür vom vergangenen Samstag, an dem auch die Ateliers im Kellergeschoss sowie im oberen Stock Einblick in ihr Schaffen geben, sitzen sie draussen auf einer steinernen Rampe. Jemand spielt Gitarre, Besucher*innen kommen und gehen, an der Bar wird Rotwein mit Zitronenlimo ausgeschenkt.

Lars Kaiser (links) und Kas Dedden.

Man wolle nicht nur Party machen, sagen sie. Das Angebot soll breit abgestützt sein, man möchte aus der Bubble ausbrechen, Verschiedenes zusammen- und Diversität in den Raum bringen. Auch soll generationenübergreifend agiert und das Quartier und seine Akteur*innen mit eingebunden werden. Lars: «Sagen wir, du sitzt an einem Freitagabend zu Hause und fragst dich, was du unternehmen könntest. Dann gehst du vielleicht in die Zentralwäscherei und trinkst erst mal was. Vielleicht gibt es dort eine spannende Ausstellung, vielleicht läuft gerade ein Konzert. Du musst in keiner Schlange anstehen und dich nicht fragen, ob du richtig angezogen bist, um Einlass gewährt zu kriegen. Es soll ein offener und für alle zugänglichen Raum werden.»

So sah die Halle der Zentralwäscheri aus, als der Verein sie erstmals begutachten konnte. Bild: zvg

4000 unbezahlte ehrenamtliche Stunden

Vor einem Jahr durfte der Verein die Halle zum ersten Mal betreten und begutachten. Seither wurde versucht, Strukturen zu festigen, die Baueingabe vorzubereiten, etwa eine Gastro-Küche und anderes Material zu beschaffen und dies aufgeteilt in verschiedene Arbeitsgruppen. Mittlerweile können sie auf rund 4000 unbezahlte ehrenamtliche Stunden, 40 protokollierte Sitzungen und noch einmal mindestens so viele unprotokollierte Treffen zurückblicken. Jeden Monat halte man ausserdem eine ausserordentliche GV, bei der regelmässig jeweils 20 bis 30 Mitglieder anwesend seien. Alle seien sie nun bereit und «on fire», sich an die Umbauarbeiten heranzuwagen. Nicht mehr nur zu planen und zu diskutieren, sondern endlich Hand anlegen zu können.

Um Musikveranstaltungen durchführen zu können ist der Bau einer schalldichten Wand geplant, in der Kleinwäscherei im Eingangsbereich soll eine Cafeteria beziehungsweise eine Mensa entstehen, in der man auch Mitgebrachtes konsumieren kann, die Böden müssen neu versiegelt oder belegt werden, zudem soll ein Büro für das Betriebsteam entstehen.

Den Rest möchte man möglichst offen lassen und allenfalls mit einzelnen, mobilen Elementen abtrennen. «Es soll über die Jahre ein wandelbarer Raum bleiben, in dem Ausstellungen, Theateraufführungen und vieles mehr entstehen können, gerne auch parallel, damit es möglichst viele Berührungspunkte gibt», so Kas, der gelernter Zimmermann ist. Dies ist jedoch alles erst möglich, wenn die Weisung, an die auch der Baukredit gebunden ist, durch den Gemeinderat ist – und es keine Einsprachen gibt.

ZWZ-Mitglieder Antonia Steger (links), Anna Brückmann (Mitte) und Sabeth Tödtli. Anna: «Alle die Lust haben, etwas zum Projekt beizutragen, sind willkommen.»

Darauf hoffen nun alle Beteiligten, denn ein solches Projekt sei gerade in einem Quartier wie dem Kreis 5, in dem der Aufwertungsprozess in vollem Gange ist, von grosser Wichtigkeit. «Einen nicht-institutionellen Raum zu finden, der so betrieben werden kann, dass Projekte eine Plattform finden, die sonst nirgendwo hin können oder sich keinen Raum leisten können, ist absolut einmalig», erzählen die beiden.

Dort, wo am Samstag die Bar stand, soll einst eine Mensa entstehen.

«Offen sein bedeutet gleichzeitig abzugeben»

«Es gibt ja bereits vergleichbare Projekte bei denen man im kleineren Rahmen versucht, einen Ort selbst organisiert zu verwalten, ein Projekt von dieser Grösse ist aber schon etwas sehr Spezielles», findet auch Antonia Steger. Die 32-Jährige arbeitet wie Lars bei der Urban Equipe und ist ebenfalls seit den Anfängen ein aktives ZWZ-Vereinsmitglied. Antonia sitzt in einer Sofalandschaft mitten in der weitläufigen Halle, dem sogenannten «Stammtisch».

Während daneben Ping-Pong gespielt wird, sagt sie: «Ich interessiere mich auch sonst dafür, wie Städte sich entwickeln und Menschen daran teilnehmen können, was es alles für neue Wege und Arten gibt, mit Verwaltungen zusammenzuarbeiten und wie Letztere Räume ermöglichen für welche sie die Verantwortung dann auch tatsächlich abgeben.» Schliesslich hätten wir in Zürich sehr viele gut ausgebildete, kreative, eigenständige und engagierte Menschen – vielleicht so viele wie noch nie. Es sei deshalb an der Zeit, auch jungen Menschen Räume zu Verfügung zu stellen, in denen man neue Organisationsformen und Veranstaltungsformate ausprobieren könne.

Ich wünsche mir, dass man uns als Gesprächspartner*innen wahrnimmt, wenn es um Entwicklung dieses Areals geht.
Antonia Steger, ZWZ-Mitglied

Es reizt sie, in einer Stadt wie Zürich, in der vieles sehr schnell institutionalisiert wird, man in der Regel ein grosses Budget braucht und oftmals auf Hürden stösst, einen Raum wie die künftige ZWZ zu erschaffen. In der nichts perfekt, dafür viel improvisiert, gebastelt und anders sei. Ihr Wunsch für die kommenden sechs Jahre: Dass am Ende andere Menschen als heute die ZWZ bespielen. «Dies wäre ein Zeichen dafür, dass wir es geschafft haben, offen zu sein – und das bedeutet gleichzeitig abzugeben und den Raum auch anderen zu überlassen.»

Bis dahin wünscht sie sich, dass Platz für erste Gehversuche entsteht, dass man verschiedene Betriebskonzepte ausprobieren darf und dass das Vertrauen der Mitwirkenden in sich selber steigt. «Das Ganze hat auch etwas Emanzipatorisches», sagt sie. Auch Lara Hausheer, ebenfalls Vereinsmitglied, möchte, dass Strukturen innerhalb des Projektes fortlaufend hinterfragt werden und flexibel bleiben: «Das Projekt soll für Menschen und Zusammenhänge, die partizipieren möchten, zugänglich bleiben».

Weisung soll im 3. Quartal dem Stadtrat vorgelegt werden

Antonia hofft, dass dereinst auch andere mit der Stadtverwaltung neue Wege finden, wie noch mehr solche Räume entstehen können und wie man die Angst verliert, eine Selbstverwaltung dieser Art zuzulassen. «Ich wünsche mir, dass man uns als Gesprächspartner*innen wahrnimmt, wenn es um Entwicklung dieses Areals geht. Und dass man versteht, dass wir eine neue Art Akteure auf diesem Gebiet sind und das einerseits selbstbestimmt aber trotzdem sehr dialogbereit.» Denn es würden nun wichtige Erfahrungen gesammelt, die es Wert seien, reflektiert und weitergegeben zu werden – sei es an diesem Ort oder irgendwo anders.

Auch die Ateliers im UG und 1. Stock öffneten am Samstag ihre Türen.

Margot hat zum Beispiel Stoffmasken genäht.

Laut Heike Isselhorst, Leiterin Kommunikation des Sozialdepartements der Stadt Zürich, soll die Weisung bezüglich der Zwischennutzung der ZWZ dem Stadtrat noch im dritten Quartal 2020 vorgelegt und anschliessend an den Gemeinderat überwiesen werden. Konkret: Dann soll auch die zusätzliche finanzielle Förderung von rund einer Million Franken gesprochen werden. Läuft alles wie geplant, steht der Vision von Lara – dass die ZWZ ein Ort wird, der sich als Teil der Stadt Zürich und des Quartiers, in dem es sich befindet, begreift – nichts mehr im Weg. Wie es weitergeht und was der Verein als nächstes vorhat, werde demnächst in einem Newsletter kommuniziert.

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