Jil Erdmann. (Foto: Ayse Yavas)

Verlag für feministische Literatur will jungen Autorinnen eine Plattform bieten

Lesungen, Literaturfestivals und Messen werden abgesagt, der Buchverkauf jedoch stieg in der Pandemie an. In dieser unberechenbaren Zeit fasst eine junge Buchhändlerin einen Entschluss und gründet ihren eigenen Verlag mit Texten von Frauen über Frauen.
16. April 2021

Text: Veronika Fischer, Saiten

Alles beginnt im vergangenen Sommer, in einem Zürcher Antiquariat. Jil Erdmann entdeckt beim Stöbern ein kleines Buch aus dem Jahr 1982 mit einem schlichten, roten Leineneinband und dem Titel Frauen erfahren Frauen. Darin sind Texte von Schweizer Autorinnen, die sich mit feministischen und zum Teil auch queeren Themen beschäftigen.

Jil Erdmann kauft das Büchlein für fünf Franken und beginnt zu recherchieren, was es damit auf sich hat. Sie stösst auf eine ganze Reihe der Edition R+F, welche seit den 1970er-Jahren jährlich einen Band herausgab.

Die Verlegerin Ruth Meyer ist bereits verstorben, im Internet ist kaum etwas über sie finden, doch Jil Erdmann stösst auf ihre Spuren im Gosteli Archiv in Bern. «Sie war wahnsinnig gut vernetzt und hatte Kontakte zu vielen, vielen Literatinnen in der gesamten Schweiz, Deutschland und Österreich», erzählt Jil Erdmann.

Für mehr Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb

Für sie persönlich birgt die Reihe eine Offenbarung. Seit zehn Jahren arbeitet sie in der Buchbranche und hat dabei schon seit Beginn das Gefühl, dass Autorinnen und Bücher über weibliche Themen total unterrepräsentiert sind.

«Damals als junge Buchhändlerin konnte ich dieses Gefühl noch nicht zuordnen – nun ist es klar, dass ich bereits in jungen Jahren einen feministischen Ansatz entwickelt habe, wie und wo Autorinnen gefördert und platziert werden sollen», sagt Jil Erdmann. Durch den Austausch mit ihren damaligen Kolleginnen kommt sie mit immer mehr Literatur von Frauen in Berührung. Sie liest Donna Tartt, Patti Smith, Susan Sontag, Joan Didion und andere.

Das rote Büchlein lässt Erdmann nicht mehr los. Es entspricht zu sehr ihrem Bedürfnis nach einer diversen und inklusiven Literaturwelt, nach Freiheit in der Umsetzung und auch in ästhetischen Punkten, als dass sie es einfach wieder beiseitelegen könnte. Also beschliesst sie, dass sie das Werk von Ruth Meyer fortsetzen und die Texte neuauflegen möchte.

Foto: Saiten.

Sie holt die Rechte der historischen Texte bei den jeweiligen Autorinnen oder Erbinnen ein und bittet zudem zeitgenössische Schreibende, um eine Erweiterung der Arbeiten aus dem vergangenen Jahrhundert.

Traditionelle Verlagsarbeit mit neuen Impulsen

Über ihre Arbeit als Verlegerin hat sie sich viele Gedanken gemacht. Künstlerische Solidarität und Sichtbarkeit sollen das Fundament des Verlagshauses bilden. Sie möchte neue Impulse setzen, wie beispielsweise den, dass Verlage nicht mehr als die unerreichbaren Elfenbeintürme angesehen werden, die man niemals oder nur mit sehr viel Glück oder Connections erreichen kann.

Jil Erdmann möchte eine offene Kommunikation und auch jungen Autorinnen eine Plattform bieten, selbst wenn sie bislang noch nichts publiziert haben. Sie gründet also den feministischen «Verlag sechsundzwanzig» (benannt nach ihrem Lebensalter zum Zeitpunkt der Entscheidung) und startet einen Open-Call für Manuskripte.

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Zudem beginnt die Arbeit an der erweiterten Wiederauflage des ersten Bandes. Diese beinhaltet Texte von Liliana Bosch, Judith Keller, Simone Lappert, Anna Ospelt, Marlen Saladin, Katrin Schregenberger, Ruth Schweikert, Eva Seck, Tabea Steiner, Anna Stern und Henriette Vásárhelyi. Illustriert wird der Band von Salome Eichenberger.

Aktuell gibt es eine Crowdfunding-Kampagne, die Honorare für Autorinnen, Grafikerinnen, Lektorinnen sowie Vertrieb, Marketing, den Druck des Buches Frauen erfahren Frauen und das Weiterbestehen des Verlages abdecken soll.

Für Jil Erdmann würde sich damit eine Lebenstraum erfüllen. Wer also ein Zeichen setzen will für eine hoffnungsvolle Zukunft und für mutige Frauen im Literaturbetrieb, kann sich jetzt an der Realisierung beteiligen.

Dieser Beitrag wurde zuerst beim Ostschweizer Kulturmagazin Saiten publiziert.

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