«Kultur ist immer systemrelevant – sie ist quasi die Visitenkarte eines Landes»

Für die SRF-«Lockdown-Collection» hat Wolkenbruch-Regisseur Michael Steiner einen Kurzfilm über die Systemrelevanz eines Zürchers Drogendealers und dessen fantasievollen Warenübergaben in Supermärkten gedreht. Im Interview spricht er über Drogenkonsum im Lockdown, unliebsame Verschwörungstheoretiker, seine Rückkehr aus Indien in ein Zürich mitten im Lockdown und weshalb auch er wie andere Kulturschaffende teils ums finanzielle Überleben kämpfen muss.
24. Mai 2020
Redaktorin

Regisseur Michael Steiner, der unter anderem bei den Filmen «Wolkenbruch», «Sennentuntschi» und «Mein Name ist Eugen» Regie geführt hat, kennt eigentlich nur Menschen, die während der Corona-Krise auf der Verliererseite des Lebens stehen. Bis er eines Sonntagnachmittags auf einen Freund, ein Drogendealer, trifft. Dieser erzählt ihm, dass sein Geschäft seit dem Lockdown auf Hochtouren läuft und was für Tricks er anwendet, um auf den leeren Strassen nicht aufzufliegen. «Jede Krise ist auch eine Chance – und er hat diese Chance genutzt», findet der Regisseur und macht aus dem Stoff kurzerhand einen Kurzfilm für die SRF «Lockdown Collection», die Werke von Schweizer Filmschaffenden in Zeiten von Corona zeigt.

Ein Geschwisterpaar, das seine Mutter an Covid-19 verliert, Homeschooling-Alltag, Impressionen einer menschenleeren Schweiz. Das und mehr zeigen die Lockdown-Kurzfilme, welche Schweizer Regisseur*innen für das SRF produziert haben. Wie bist du auf die Idee gekommen, mit «Time of my Life» ausgerechnet die Geschichte eines Drogendealers zu erzählen?

Zwei Wochen nach Beginn des Lockdowns habe ich einen Freund getroffen, der Gras vertickt. Es war Sonntagnachmittag und er erzählte mir, dass er schleunigst wieder weiter müsse um zu arbeiten, da sein Geschäft gerade durch die Decke gehe. Alle waren im Homeoffice. Und Leute im Homeoffice, die können kiffen. Anfangs belieferte er seine Kund*innen zu Hause, merkte jedoch schnell, dass er der einzige Mensch war auf der Strasse – und dementsprechend auffiel. Die ganze Welt war zu Hause, alles schaute zum Fenster raus. Jeder Nachbar wusste, dass er nicht zum Block gehörte. Also sagte er seinen Kund*innen: «Ihr könnt euch nicht verkriechen. Wenn ihr Stoff wollt, dann müsst ihr rauskommen.»

Sie haben sich dann in Supermärkten getroffen...

Genau, den einzigen Orten, an denen es damals noch immer viele Menschen hatte. Daraus entwickelte ich dann die Figur für meinen Kurzfilm. Ich fand die Geschichte für die Lockdown-Serie deshalb spannend, weil einer, der in der Gesellschaft bislang unsichtbar war, plötzlich sichtbar wurde. Der Protagonist steht ausserhalb des System, wird aber systemkonform, weil er sich zum Beispiel über Menschen aufregt, die ihm zu nahe kommen. Er darf schliesslich nicht krank werden, jetzt wo sein Geschäft boomt. Mein Lieblingssatz lautet: «Corona ist ein Anarchist und ich bin auch einer.» Es ist doch wirklich so: Ein Virus kümmert sich um nichts. Es kennt keine Landesgrenzen oder Hierarchien. Ich finde, man darf die Situation nicht verharmlosen, nur weil wir in der Schweiz bislang einigermassen glimpflich davon gekommen sind.

Der Kurzfilm ist nicht mein Lieblingsformat. Spielfilme habe ich viel lieber. Ich mag es, wenn sich eine Geschichte lange aufbaut und verzweigt ist.
Regisseur Michael Steiner

Wer spielt den Dealer?

Für die Rolle habe ich den Schauspieler Michael Schertenleib angefragt, der auch schon bei «Achtung, fertig, Charlie! 2» mitgespielt hat und unter anderem Produzent des Rappers Larry F ist. Er wohnt im Niederdorf und war genau der Richtige für die Rolle, er ist «voll Zürich».

Genauso wie Drogen. Die sind ja bekanntlich auch «voll Zürich».

Stimmt. Und ich hätte nicht gedacht, dass zeitgleich mit dem Lockdown auch der Drogenkonsum steigen wird. Aber eigentlich ist es klar: Die Leute sitzen zu Hause und haben Zeit, zu konsumieren. Mein Freund erzählte mir aber, dass es auch Kund*innen gab, die sich nicht mehr meldeten, weil sie sich und ihrem Körper in Zeiten von Corona mehr Sorge tragen wollten. Dafür kamen neue Kund*innen, weil anderen Dealern durch die Grenzschliessungen die Ware ausging.

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Magst du Kurzfilme?

Der Kurzfilm ist nicht mein Lieblingsformat. Spielfilme habe ich viel lieber. Ich mag es, wenn sich eine Geschichte lange aufbaut und verzweigt ist. Bei der Lockdown-Serie dachte ich mir aber: Wir erleben gerade eine aussergewöhnliche Situation und es ist wichtig, diese zu belegen. Die Serie ist quasi ein Zeitzeugnis, ein historisches Dokument.

Für den Dreh des Films «Und morgen seid ihr tot», der von der Entführung des Schweizer Paars Daniela Widmer und David Och in Pakistan handelt, warst du vor wenigen Monaten in Indien unterwegs. Wegen der Corona-Pandemie musstest du die Arbeiten dazu aber frühzeitig abbrechen. Wie war das für dich, in eine Schweiz mitten im Lockdown zurückzukehren?

Während der Vogelgrippe habe ich in Südostasien gelebt und gesehen, wie strikt dort während eines Virus-Ausbruchs gehandelt wird. Und dann kamen wir vor einigen Wochen am Flughafen Zürich an. Meine Crew und ich waren auf einem der letzten Flüge, die in der Schweiz gelandet sind. Wir wurden nicht kontrolliert, es wurde nicht darauf geachtet, ob die Abstandsregeln eingehalten werden und so weiter. Das erstaunte mich ziemlich. Bei mir zu Hause in Zürich angekommen, sah ich dann Risikogruppen, die ohne Mundschutz unterwegs waren und dachte mir: «Schon riskant, was ihr da macht.» Später merkte ich aber, dass es die meisten Leute ernst nehmen mit den Vorgaben des BAG. Wenn man etwa in der Migros jemanden zu nahe kam, wurde man angepfiffen.

Covid-19 ist eine Wundertüte – und macht deshalb auch solche Angst.
Regisseur Michael Steiner

Hast auch du dir Sorgen um deine Gesundheit gemacht?

Am Anfang schon, da man zu diesem Zeitpunkt praktisch nichts über das Virus wusste. Obwohl ich nicht zur Risikogruppe zähle, war da immer dieser Hintergedanke: «Wenn es blöd kommt, kann es auch mich heftig erwischen.» Covid-19 ist eine Wundertüte – und macht deshalb auch solche Angst. China hatte in den vergangenen 17 Jahren schon drei Mal mit solchen Erregern zu kämpfen. Da denkst du zuerst: «Easy, die kriegen das wieder in den Griff, das haben sie davor schliesslich auch immer geschafft.» Mit dem Coronavirus ist ihnen das aber zum ersten Mal nicht gelungen. So viel übrigens zur Verschwörungstheorie, Bill Gates habe das Ding in die Welt gesetzt. Wenn du die ganze Welt verseuchen willst, dann beginnst du damit bestimmt nicht in China, wo sie solche Erreger schon drei Mal lokal eindämmen konnten.

Verschwörungstheoretiker sind also nicht deine Freund*innen...

Es heisst, die Schweizer seien so gebildet. Und ich weiss, dass es eine Minderheit ist, die sich hierzulande in Verschwörungstheorien rund um Corona verstrickt. Aber dass diese Minderheit so laut ist, finde ich seltsam. Es ist das erste Mal, dass solche Menschen es wagen, ihre Ideen lautstark auf einem öffentlichen Platz kundzutun. Ich habe das Gefühl, dass die meisten davon grosse Probleme haben. Sei es menschlich, beruflich oder finanziell und sie nun einen Schuldigen brauchen, um sich das Unfassbare auf möglichst einfache Art und Weise erklären zu können. Verschwörungstheorien bestehen immer aus einfachen Erklärungen, simpelsten Antworten. Im Mittelalter war es Gott. Die Leute sind mittlerweile immerhin so schlau zu wissen, dass Gott es nicht sein kann, also muss es Bill Gates sein (lacht).

Wie hat dich der Lockdown beruflich beeinflusst?

Insgesamt sind in Indien sieben Drehtage für «Und morgen seid ihr tot» weggefallen. Im April hätte in der Schweiz weiter gedreht werden sollen, das wurde vorerst auf den Juni verschoben. Auch die Veröffentlichung des Films Anfang Februar wird nun nicht wie geplant stattfinden können. Auf dem Set im Juni wird es neue Regeln geben, da muss ich mich zuerst ein wenig eingewöhnen.

Und was für Auswirkungen hatte die Zwangspause auf die Filmbranche?

Für die Branche war es ein Schock: Viele meiner Berufskolleg*innen sind im Moment arbeitslos, einige haben Kurzarbeit. Die Drehs für Filme wurden auf Eis gelegt, gewissen Leuten geht das Geld aus. Es gibt in der Branche derzeit ganz viele Menschen in Notsituationen. Wir sind keine Banker*innen, die viel Geld verdienen, sondern sind angewiesen auf den nächsten Job. Man lebt ständig von der Hand in den Mund, von Projekt zu Projekt. Sogar ich als sozusagen bekannter Regisseur.

Das hätte ich nicht gedacht...

Doch, es ist immer ein Kampf ums finanzielle Überleben, auch für mich. Und deshalb weiss ich, wie es Berufskolleg*innen derzeit geht, die nicht so viele Aufträge haben wie ich.

Wenn alle Hamster gleichzeitig aus dem Rad fallen, kann es sein, dass einige stehen blieben, sich umschauen und überlegen, ob sie weiterrennen wollen wie bisher.
Regisseur Michael Steiner

Eine Theaterschaffende sagte am Anfang des Lockdowns: «Jetzt spürt man es noch nicht, dass Filme nicht mehr produziert werden, es keine Theatervorstellungen mehr gibt. Doch irgendwann wird allen bewusst werden, wie wichtig, längerfristig gar systemrelevant, diese Branchen für unsere Gesellschaft sind.» Was meinst du dazu?

Kultur ist immer systemrelevant. Sie ist quasi die Visitenkarte eines Landes. Früher hat man gesagt: Wenn das Haus brennt, retten Italiener*innen zuerst die Kunst, die an ihren Wänden hängt. Wenn man sich die Frage stellt, wie sich der Mensch in seiner Kultur über längere Zeit definiert, ist die Antwort natürlich: Über die Kunst. Über einen Zeitraum von 200 Jahren interessiert es am Ende niemanden mehr, ob der «Ochsen» an der Ecke sowieso gestanden hat, aber man wird noch immer Goethe lesen oder sich diesen einen Film oder das eine Lied anhören. Die Speerspitze der Menschheit ist die Kultur. Alles andere ist Daily Life.

Inspirierte dich diese aussergewöhnliche Zeit nebst dem Produzieren eines Kurzfilms auch noch zu anderen Dingen?

Ja, Freunde anzurufen – und sie haben das Telefon dann auch tatsächlich abgenommen (lacht). Das ist neu – zumindest für mich. Weil ich andauernd beschäftigt war, pflegte ich davor zu sagen: «Schreib mir ein SMS wenn du was von mir willst.» Ich hatte in der letzten Zeit zahlreiche wirklich gute Gespräche. Die Menschen sind innerlich ruhiger und entspannter geworden. Eigentlich müsste man für das ganze Land einmal im Jahr einen Monat lang Lockdown einführen – natürlich ohne, dass jemand darunter leiden muss, mehr im geistigen Sinne. Man hat das bislang «Sabbatical» genannt. Das war so: Hey, ich habe jetzt zehn Jahre durchgearbeitet, bin einem Burnout nahe und nehme mir jetzt mal ein Auszeit. Viele Menschen, die ich kenne, haben ihren Fokus in den letzten Wochen neu gesetzt. Wenn alle Hamster gleichzeitig aus dem Rad fallen, kann es sein, dass einige stehen blieben, sich umschauen und überlegen, ob sie weiterrennen wollen wie bisher.

Erging es dir ähnlich?

Für mich hat der Lockdown keinen grossen Unterschied gemacht. Meine Arbeitszyklen sind nicht jenen unserer Gesellschaft entsprechend: Wenn ich an einem Drehbuch arbeite, dann schreibe ich zum Beispiel wochenlang wie ein Wahnsinniger, dann drehe ich einen Film – und mache danach vielleicht mal gar nichts. Während eines Drehs arbeitet man 16 Stunden am Tag, schläft fast nicht und ist immer «on fire» mit einer grossen Crew im Rücken. Auch ohne Corona-Lockdown wäre ich also nach Indien so erschöpft gewesen, dass ich erst einmal zwei Wochen gar nichts gemacht hätte. Bei mir wurde durch die vom Bund verordnete Zwangspause etwa auch kein innerer Sturm ausgelöst, im Zuge dessen ich alles hinterfragt habe. Ich bin Regisseur und in dieser Funktion ein Beobachter unserer Gesellschaft. Ich will weiterhin Geschichten erzählen – und nichts anderes.


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