Thema Fehlgeburt: «Lasst uns offen darüber sprechen»

Franzi hat ihre Zwillinge in der 11. Schwangerschaftswoche verloren. Sie findet: «Wieso traut man sich nicht, offen darüber zu sprechen? Wenn es doch so vielen Frauen widerfährt?»
25. September 2020
Redaktorin

Unsere Gesellschaft kennt viele Tabus, wenn es um das Thema Gesundheit geht. In der Tabu-Serie porträtieren wir Menschen, die sonst nicht oft zu Wort kommen.


Noch immer wird wenig über Fehlgeburten gesprochen – dabei gehen Studien davon aus, dass 15 Prozent aller Frauen im Laufe ihres Lebens den Verlust eines ungeborenen Kindes erleiden. Eine kürzlich erschienene und in der «Zeit» zitierte US-Studie legt sogar nahe, dass Fehlgeburten der häufigste Ausgang einer Schwangerschaft sind.

Vor einem Monat verliert Franzi ihre Zwillinge in der elften Schwangerschaftswoche. Also eine Woche nach Ablauf der «kritischen Phase», nach dieser das Risiko einer Fehlgeburt deutlich sinkt.

«Die Herzen schlagen nicht mehr»

Von ihrem Verlust erfährt Franzi nicht wie so viele Frauen durch Blutungen, sondern erst während ihres zweiten Kontrolltermins bei ihrer Frauenärztin. «Die Herzen schlagen nicht mehr», sagt diese. Bereits einige Wochen zuvor hatte sich abgezeichnet, dass sich einer der beiden Zwillinge nicht so entwickelt, sprich nicht so wächst, wie er sollte. Franzi hoffte deshalb umso mehr, dass zumindest eines ihrer beiden ungeborenen Kinder überlebt. Vergeblich, wie sich nun herausstellt.

Zehn Minuten nachdem Franzi auf dem Untersuchungsstuhl Platz genommen hat, steht sie auch schon wieder draussen auf der Strasse. «Schade, das hätte ich jetzt nicht erwartet», sagt ihre Ärztin noch kurz und knapp, bevor sie Franzi anweist, im Spital eine Ausschabung vornehmen zu lassen. Sie würde einen Anruf für einen Termin kriegen.

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«Ich erhielt kein Mitgefühl, keine Zeit, um den Schock kurz verarbeiten zu können und auch keine Verweisung an eine*n Therapeut*in», so Franzi. Es ist Montagmittag. Franzi, die bei einem Start-up im Bereich im Marketing arbeitet, ist alleine und ziemlich aufgelöst. Sie fährt ins Büro, denn eigentlich hat sie noch ein Projekt fertigzustellen. Davor informiert sie ihren Vorgesetzten einerseits über ihre Schwangerschaft – und über ihren Verlust. Dieser zeigt Verständnis und rät ihr, nach Hause zu gehen.

Dort kann sie endlich loslassen. Weinen. Um einen neuen Lebensabschnitt, auf den sie und ihr Freund sich so sehr gefreut haben. Die Schwangerschaft kam zwar ungeplant, war aber trotzdem erwünscht. «Ich habe vor zwei Jahren die Pille abgesetzt, wir liessen es einfach darauf ankommen. Als der Schwangerschaftstest nach dem Ausbleiben meiner Menstruation ein Kreuzchen angezeigt hat, haben wir uns riesig gefreut», so die 31-Jährige.

Franzi schreibt ihrer Schwester eine SMS: «Hey, ich habe gerade erfahren, dass ich eine Fehlgeburt hatte. Ich brauch jetzt kurz Zeit für mich.» Für einmal ist sie froh, dass ihre Familie in Deutschland lebt. «Die Traurigkeit, die Umarmungen – das hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht ertragen.» Als ihr Freund abends nach Hause kommt, hat er, um sie aufzumuntern, lauter «Verbotenes» in seine Einkaufstüte gepackt: Bier, Lachs, Salami – Dinge, die Frauen während einer Schwangerschaft nicht essen sollten.

Wieso traut man sich nicht früher, offen darüber zu sprechen? Wenn es doch so vielen Frauen widerfährt?
Franzi

Weil Franzi am nächsten Tag leichte Blutungen hat, fährt sie ins Triemlispital. Der untersuchende Arzt erklärt ihr noch einmal alles in Ruhe. Zum Beispiel, dass der Körper während der ersten 12 Schwangerschaftswochen eine Art Kontrollmechanismus startet, dabei das gesamte genetische Gewebe überprüft und dann entscheidet, ob es passt oder eben nicht. Er zeigt ihr auf, wie eine Ausschabung vonstatten geht, welche Optionen sie hat und dass ein Abort etwas sei, dass passieren könnte, vor allem bei Zwillingen.

Franzi: «Er sagte mir, ich könne nach Hause gehen und warten, ob der Körper die Föten von alleine abstösst, wehenfördernde Tabletten nehmen oder eine Ausschabung im Spital vornehmen lassen.» Sie entscheidet sich für Letzteres und erhält einen Termin für den kommenden Tag. «Ich weiss nicht ob es das war, was er gesagt hat oder wie er es gesagt hat, aber nach diesem Gespräch war für mich alles wieder einigermassen ok. Zwar noch immer schade und traurig, aber es war ok.»

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Franzi schafft es nun, auch allen anderen, die von der Schwangerschaft gewusst haben – ihre engsten Freundinnen, ihre Familie, die Familie ihres Mannes – vom Ende ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Dies unter anderem auch, um unangenehmen Situationen zum Beispiel bei einem zufälligen Aufeinandertreffen, vorzubeugen.

«Bei diesen Gesprächen stellte sich heraus, dass ich damit nicht alleine war. Einer Freundin einer Freundin ist es passiert, meiner Tante, der Freundin meiner Schwester. Wieso traut man sich nicht früher, offen darüber zu sprechen? Wenn es doch so vielen Frauen widerfährt?» Es zu verschweigen würde keinem helfen, sagt sie.

«Ein furchtbares Wort»

In der 6. bis 8. Schwangerschaftswoche (SSW) liegt das Risiko für eine Fehlgeburt um 18 Prozent. Ab der 17. SSW sinkt es deutlich auf 2 bis 3 Prozent. Bis zum Ende der 12. SSW sind bereits ungefähr 80 Prozent der Fehlgeburten geschehen. Dies führt dazu, dass werdende Mütter ihre Schwangerschaft die ersten drei Monate meistens für sich behalten.

Franzi und ihr Partner entscheiden aber schon früh, ihre Liebsten einzuweihen. «Wieso auch nicht?», findet Franzi. Im Falle einer Fehlgeburt würde man einem schliesslich ohnehin anmerken, dass man niedergeschlagen ist.

Ich hätte es nicht verhindern können.
Franzi

Die Ausschabung findet einen Tag später statt. «Ich finde Ausschabung übrigens ein furchtbares Wort, obwohl es klar beschreibt, was dabei passiert», wirft Franzi ein. Sie tritt morgens mit nüchternem Magen ins Spital ein, erhält Tabletten, die den Muttermund weich machen und wird am Nachmittag in den Operationssaal geschoben, in dem sie unter Vollnarkose behandelt wird. Der Eingriff dauert nur zehn Minuten. Franzi kann noch am gleichen Abend nach Hause.

Dort angekommen, geht es ihr verhältnismässig gut. Sie hat keine starken Schmerzen und nur wenig Blutungen. «Mir wurde im Spital die Telefonnummer des psychologischen Dienstes mitgegeben, die ich aber nicht benötigt habe», so Franzi.

Sobald sie wieder ihre Tage bekommt, könnten sie und ihr Freund theoretisch wieder versuchen, schwanger zu werden. Franzi möchte es auf sich zukommen lassen. «Wir wollen nichts erzwingen. Wenn es nochmals auf natürlichem Weg klappt, dann ist das natürlich schön. Und falls nicht, gibt es genügend Kinder auf dieser Welt, die gerne Eltern hätten.»

Sie sei noch immer traurig über das Erlebte, «doch es ist so, wie es ist. Zudem hat mir der Arzt gesagt, dass ich es nicht hätte verhindern können. Ich hätte nichts anders machen können.»

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