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5 Gründe, warum Weihnachten in Zürich scheisse ist

23. Dezember 2015
Ein Samstagnachmittag mit einer Freundin mitten im Weihnachtswahnsinn zeigte mir, warum Weihnachten in Zürich das Letzte ist. Ich habe es hautnah erlebt.

Normalerweise würde jemand mit gesundem Menschenverstand an einem Samstag in der Weihnachtszeit die Bahnhofstrasse meiden. Wir wollen es uns aber richtig hart geben und beginnen unsere Tour im Hauptbahnhof. Der glitzernde Swarowski Weihnachtsbaum prangt pompös wie jedes Jahr über den kleinen, rustikalen Marktständen. Nach einer Weile wird uns langweilig und wir wursteln uns durch das Getümmel in Richtung Bahnhofstrasse.

IMG_70781. Grund: Menschen. Viele.

Wer hat eigentlich mal herumposaunt, dass Zürich in der Weihnachtszeit der «Place to be» ist? Menschenmassen aus allen Kantonen und der ganzen Welt, in aneinander schleifenden Daunenjacken mit Echtfellbehang, drücken und schieben sich über die Fussgängerstreifen am Bahnhofplatz.

Das gemeine Fussvolk vermischt sich hier mit der kosmopolitischen Schickeria. Aufgeblasene Lippen überall. Es bringt nichts, sich gegen diesen reissenden Strom zu wehren, darum lassen wir uns einfach treiben. Zu allem Überfluss bildet eine Armee von Spendeneintreibern vor dem Globus ein Nadelöhr. Schnell versuchen wir, diesen Klemmbrett haltenden Nervensägen mit einem kurzen Sprint zu entkommen (zur Erklärung: Ich habe selber mal als Ferienjob Spenden eingetrieben und ein grosser Teil der Spendeneinnahmen fliesst zuerst in die von den Hilfsorganisationen beauftragten Dialogfirmen). Alle Leute hetzen gestresst umher und schauen weder links noch rechts. Das lässt kaum besinnliche Weihnachtsstimmung aufkommen sondern eher die Lust, Gesichter zu boxen wenn sich ein fremder Ellenbogen in meine Rippen rammt. so. viele. Menschen. noch mehr Menschen.

2. Grund: Sale Sale Sale

Der nackte Wahnsinn. Eigentlich dachte ich, dass der Weihnachtsausverkauf logischerweise erst im neuen Jahr beginnt, wenn wir uns so richtig tief im Januarloch befinden. Doch der Detailhandel kann anscheinend nicht überleben, wenn er einem nicht bereits jetzt schon Angebote und Rabatte um die Ohren haut. Preisabschreibungen prangen überall riesig in den Schaufenstern. Geiz ist geil! Das Schlimmste ist jedoch, dass ich geglaubt habe, ich wäre gegen solche Werbung resistent.

«Oooh, lass uns noch in den Jelmoli gehen wenn wir schon da sind. Dort muss ich einen Lippenstift kaufen, den ich sonst nirgends kriege», lamentiere ich herum. Grosser Fehler. Kaum betreten wir diese überheizte Parfümhölle des Grauens, fangen meine Schleimhäute an auszutrocknen. Frank Sinatras Weihnachtslieder beschallen meine Ohren und ich dränge meine Freundin schnell zum Ausgang, nachdem ich meinen «wirklich total nötigen» Einkauf getätigt habe.

Wir brauchen jetzt schon eine Pause. Zur Stärkung begeben wir uns in eines dieser teuren Kaffees an der Limmat. Etwas unsicher, ob mein Portemonnaie den Preisen standhält, bestelle ich zunächst nur einen Cappuccino. LOL. Nach einer halben Stunde sind zwei Glühweine vernichtet. Adios, dreizehnter Monatslohn, von dem ich 80 Prozent dem Fiskus überweisen musste. (Ok, so teuer war es nicht, aber hallo?!, trotzdem…)
Schnäppchen!
Hiermit wären wir auch schon beim nächsten Punkt:

3. Grund: Die Preise

Zürich gilt als eine der teuersten Städte der Welt und während der Weihnachtszeit kann man Gift darauf nehmen, dass viele Preise nochmals nach oben korrigiert werden. Da sich dann viele von uns in einem Konsumrausch befinden und aus schlechtem Gewissen versuchen, ihr Karma mit Spenden aufzupolieren, ist das Konto blitzartig leergeräumt. Vor Allem lassen wir uns zu solch sentimentalem Mist wie «Marroni-Essen am Weihnachtsmarkt» hinreissen. Meine Freundin und ich haben auch etwas Hunger und wollen uns ein feines Raclette gönnen. Auf dem Schild steht: «Groooose Portion für 12 CHF». Genau das Richtige für uns! Die grooossse Portion entpuppt sich schliesslich als zwei jämmerlich winzige Kartoffeln mit drei Mini-Cornichons, begleitet von ein paar Silberzwiebeli, übergossen mit einem nicht so grossen Schüfeli Käse. Es fällt uns schwer zu teilen und enttäuscht machen wir einen Abgang, um einen halbwegs preiswerten Glühwein zu finden.

ein grooooses Raclette? Her damit! IMG_7149
Der Glühwein im Weihnachtsdorf auf dem Opernhausplatz kostet 6.50 CHF. Nicht ganz billig, aber auch nicht überteuert. Die absolute Frechheit ist aber der Glühwein in einem Kaffee am Limmatplatz. 8.50 CHF für einen kleinen Becher semi-gutes Gesöff. Damit der Preis irgendwie gerechtfertigt scheint, hat man noch Mandelsplitter hineingeworfen. Nur weil ihr sooo cool seid, müsst ihr nicht meinen, dass ihr uns jede überteuerte Hipsterkacke verkaufen könnt!
die Autorin beim fröhlichen Glühweintrinken. Glühwein, in Zürich ein teurer Spass.

4. Grund: Das Wetter

So ein sonniger Tag im Dezember lässt fast Frühlingsgefühle hochkommen. Doch was hat Weihnachten in unserer Hemisphäre mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um die 16 Grad zu tun? Richtig, nämlich gar nichts. Sogar «Davos Tourismus» hatte mit uns Unterländern Mitleid und hat vor ein paar Jahren als Werbegag Schnee zu uns heruntergekarrt. Im Weihnachtsdorf am Opernhausplatz, der an diesem Tag natürlich ebenfalls von sonnenbebrillten Menschen überquillt, wurde neben einer künstlichen Eisbahn lieblos ein Schneehaufen hingeworfen. Die anwesenden Kinder finden es mega und wälzen sich darin, bis ihre Hosenböden durchnässt sind.
IMG_7133 Schneehaufen vor dem Opernhaus, nimm das!
Ich kann mich ehrlich nicht erinnern, wann wir zuletzt weisse Weihnachten hatten. Wenn es mal schneit in Zürich, dann verwandelt er sich in kurzer Zeit in rutschigen, grauen Matsch. Nicht gerade ein romantisches Winter Wonderland.

Und warum schiessen Eisbahnen dieses Jahr wie Pilze aus dem Boden? Ist es irgendwie nicht total sinnfrei, wenn man sich bei mildesten Temperaturen auf einer auf Hochtouren gekühlten Eisfläche zum Max macht und dafür noch viel Geld bezahlt? Also ich weiss nicht …
ihr Kinderlein kommet... doch in der Badehose.

5. Grund: Deko

Wenn man schon nicht mit Schnee gesegnet ist, dann fährt man halt ein Gros an Weihnachtsdeko auf. Pompös zeigt sich Zürich nun überall in glitzernder Pracht. Da Stil aber von jedem anders definiert wird, werden Bäume, Hauseingänge und Balkone oft fragwürdig verschönert. Blinkende Lichterketten in allen Farben sind wohl das Schlimmste, das es gibt. Jeder traurigen Zimmerpflanze muss noch eine rot-weisse Mütze aufgesetzt werden und Raumdüfte in Apfel-Zimt haben jetzt Hochsaison. Spätestens Ende Oktober wird man von der Migros daran erinnert, dass auch im eigenen Zuhause das Lametta Bäumchen nicht fehlen darf, um rechtzeitig zum ersten Advent in einem Zustand der totalen Besinnlichkeit zu sein. Dieser Overkill an Kitsch ist irgendwie ironisch. Obwohl er Feierlichkeit und Wohlbehagen suggeriert, dient er einzig dem Zweck dass wir massloss konsumieren und es damit rechtfertigen, dass das in der Weihnachtszeit schon ok ist.
man nehme ein Haus und schreibe gross "Tanne" darauf. Fertig ist die Weihnachtsdeko 2015. meine Freundin hat Fun mit dem Credit-Suisse Tannenbaum.
Was für ein Tag! Wir haben uns mit schlechtem Glühwein volllaufen lassen und unsere Köpfe sind Sturm vom Gesabbel der vielen Menschen. Diese Tour durch Zürich an einem vorweihnachtlichen Samstag hat mir wieder in Erinnerung gerufen, warum ich gewisse Orte zu dieser Jahreszeit meide. Ob Weihnachten einen tieferen Sinn hat, ist komplett egal.  Es geht nicht darum, dass es zu einem Event des Konsums geworden ist, sondern dass die Stadt meint, sie müsse den Menschen irgendwelche Bedürfnisse aufzwingen. Wir sind in der Weihnachtszeit oft gestresst und geben viel zu viel Geld für sinnlos überteuerte Sachen aus. Das Schlimmste ist dabei, dass wir unsere miese Laune damit rechtfertigen, dass das zu Weihnachten einfach dazugehört. Und wenn schon Weihnachten, dann bitte auch mit Schnee, ok?

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