Sexkolumne: Warum ich mit meinem Körper struggle

Wann bin ich so streng mit mir geworden?
24. Juli 2017

Es ist Sommer und Sommer bedeutet weniger Kleidung und mehr Haut, mehr Körper und mehr freie Sicht auf meinen Körper im Spiegelbild. Diesen Sommer trage ich ein bisschen mehr Miriam mit mir herum als im Sommer zuvor. Und in dem davor. Und so weiter. Seit Mitte Zwanzig rächen sich meine mitternächtlichen Pasta-Snacks langsam aber sicher durch zusätzliche Pfunde. Das war eigentlich sehr lange sehr in Ordnung. Gerade, weil ich als Feministin ein vielfältiges Körperbild unterstütze und laut Body-Positivity-Parolen rufe.

Aber wie bei so vielen Dingen: Practice what you preach ist hier leider nicht ganz so einfach. Was mich besonders nervt: Ich jammere diesbezüglich auf sehr hohem Niveau. Optisch entspreche ich auch mit Extrakilos absolut dem gängigen westlichen Schönheitsideal. Aber eben nicht mehr dem in meinem Kopf. Ich gehe zwar trotzdem noch im Bikini an den Fluss oder in die Badi – auch, weil ich hier nach dem «fake it till you make it»-Prinzip verfahre. Je sturer ich meinem Kopf sage, dass ich meinen Körper schön finde, umso eher verspreche ich mir davon Erfolg. Ich merke aber, dass ich mich viel mehr beobachte. Wie sehe ich von aussen aus? Steht mein Bauch zu sehr raus? Sehen meine Arme aus wie Pudding? So gemeines Zeug würde ich niemals zu meiner besten Freundin sagen, weshalb dann zu mir?

Wann bin ich so streng mit mir geworden? Reicht es nicht, dass mir die Werbung, die Medien und die gesamte Popkultur eintrichtern wollen, wie ich auszusehen habe? Das Interessante an der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper ist: Sie konfrontiert mich mit meinem Wertesystem. Bei anderen Frauen* bin ich sehr viel toleranter. Ich bete meinen Freundinnen unermüdlich vor, sie sollen ihre wunderbaren Schenkel genau so abfeiern wie ich. Sich nicht über das Röllchen über dem Hosenbund aufregen und lieber ein Dessert bestellen – weil das nämlich glücklicher macht als das ständige gedankliche Kreisen um den eigenen Körper. Und genau hier liegt einer meiner grössten Aufreger: Bei mir selber funktioniert diese Taktik nicht. Ich bin mir vollends bewusst, dass das kapitalistische System, das auch mein Umfeld prägt, jetzt von mir verlangt: Lauf los und kauf dir hautstraffende Lotions und einen Bikini, der deinen Bauch kaschiert – weil dein Bauch darf eigentlich nicht sein, der gehört versteckt. Kasteie dich, verstecke dich, aber zeig dich auf keinen Fall so wie du bist. Und sei vor allem nicht glücklich damit. Woher nehme ich also die Nerven und die Energie, die es braucht, um patriarchale Strukturen anzukämpfen, wenn ich selbst noch so stark darin gefangen bin? Nun, wahrscheinlich genau aus diesem Umstand.

Ein Körper ist ein Körper ist ein Körper und er soll einfach sein dürfen.

Es gibt Stimmen, die fordern, als Frau* solle man sich ganz loslösen von der Diskussion um den Körper. Ich finde das falsch. Natürlich wäre es mir auch lieber, wenn das Thema endlich vom Tisch wäre und wir uns endlich mit voller Kraft anderen Themen widmen könnten. Aber nicht ich bin die, die den Frauen*körper immer wieder zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion macht. Mein Körper ist noch immer Politikum: Mir wird vorgeschrieben, wann ich Kinder haben soll und wann ganz sicher nicht und wie ich danach auszusehen habe. Ich sehe meinen Körper herabgewertet auf den Covers von Klatschzeitschriften, ich sehe ihn in unrealistischer Form auf Plakaten. Und mich beeinflussen die Bilder, die ich von weiblichen* Körpern sehe, ob ich das bewusst merke oder nicht. Meinem Körper wird die Schuld an Übergriffen und dummen Sprüchen zugeschrieben. Frauen* sind immer zu dick, zu dünn, zu muskulös oder zu knochig. Was also hilft? Für mich: die direkte Konfrontation. Mein Ziel ist es nicht, jeden Millimeter meines Körpers schön zu finden, im Gegenteil: Ich will endlich frei von Wertung sein. Ein Körper ist ein Körper ist ein Körper und er soll einfach sein dürfen, dafür geschätzt werden, was er ist und was er kann – und ich möchte gerne darin wohnen. Mein Körper ist noch lange nicht meine Privatsache und dagegen lohnt es sich rebellieren. Und wie wir das tun, ob mit Fotos auf Instagram von unseren Speckrollen, von unseren schmalen Rücken und unseren Schwangerschaftsstreifen, mit bauchfreien Oberteilen oder der grössten Revolution von allen – einfach drauf zu scheissen – sei ganz alleine uns überlassen. Schlechte Körper gibt es nicht.

Dieser Text ist der vierte Teil der feministischen Sexkolumne auf Tsüri.ch. Im Juli und August wechseln sich die Autorinnen Maaike Kellenberger und Miriam Suter in je fünf Folgen mit ihren Ausführungen zu den Themen Sexualität, Feminismus und allem, was dazu gehört, ab.

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Titelbild: CC/Flickr/fat cat

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