Eine Nacht im Hipster-Mikrokosmos «25 hours Hotel»

Die Tsüri-Redaktion verlässt ihre «Bubble» und besucht Orte, wo sie sich sonst nie hin verirren würde. Nach dem «Abhängen mit den Expats» und einem Besuch in der Badi Seebach folgt jetzt eine Nacht im «25 hours Hotel», dem «Rückzugsort für digitale Nomaden» an der Langstrasse.
29. September 2017

Da steht er: Dunkel, verglast, sieben Stockwerke hoch und wirft den Besucher*innen farbige Worte wie «highball», «sleep», «hug» und «surprise» entgegen. An seinem Rücken das Gleisfeld, zur Rechten die Europaallee, zur Linken das Tunnel, die Verbindungsachse von Kreis 4 und 5. Davor farbige Tische und Stühle, Männer in Anzügen, Frauen in Cocktailkleidern und ein Mann in zerfetzten Hosen, der eine Dose Bier öffnet, auf dem Velo schlangenlinien fahrend.

Hier, wo die Europaallee die Langstrasse küsst, gegenüber der Olé-Olé Bar, eröffnete am 1. April 2017 das «25 hours Hotel» Langstrasse: 170 Zimmer, darunter Plaza- und Trainspotting-Suiten, ein Restaurant, eine Bar, High-Speed-Wlan, Autos für die Hotelgäste und eine Sauna im siebten Stock mit Aussicht auf das Gleisfeld. Die Beschreibung des Hotels selbst: «So versteht sich das 25 hours Hotel Langstrasse als eigenes kleines Universum und bietet zeitgemäss interpretierte Dienstleistungen für die Zielgruppe urbaner Nomaden. [...] Hier verschmelzen die Welten und im Idealfall die Kulturen».

An diesem Sonntagabend teste ich, wie es sich als «digitaler Nomade» in diesem kleinen Kosmos anfühlt. Die Rezeption ist laut Broschüre 25/7 (hehe!) besetzt. In der Lobby steht ein «Freitag»-Taschen-Baum. In den Blachen-Taschen können die Stammgäste ihre persönlichen Habseligkeiten verstauen, sie mittels Seilwinde zur Decke hochziehen und diese mit einem Schloss sichern. So wartet die Zahnbürste bis zur Rückkehr des Stammgastes brav in luftiger Höhe. Daneben steht der Hotel-Kiosk kuratiert vom Verlag «Kein & Aber», zudem von Hand genähte Bikinis des Zürcher Labels «aSS». Die Rezeptionistin ist mit Vorname angeschrieben und übergibt mir die Chipkarte zum Hotelzimmer im 7. Stock. Im Lift treffe ich ein englisches Paar, welches das «25 hours Hotel» in Berlin kennt und sich, begeistert vom Konzept, auch für jenes in Zürich entschieden hat.

«Die Idee des Day-Drinking»

Das Zimmer (ab 270 Franken pro Nacht) bietet von der Regenwasserdusche freie Sicht auf den Primetower. Ausgestattet mit jenstem Chichi, das ein digitaler Nomade in seiner Rückzugsoase braucht: Da gibt es ein Malbuch mit Farbstiften (Entspannung für die durch das Coden ermüdeten Finger), Magazine wie Transhelvetica und Reportagen (Wellness für die durchs Bildschirm-Flimmern erschöpften Augen) und ein Notizbuch auf dem Nachtisch (falls einem in der Nacht die Lösung für das Problem einfällt). Zudem eine Polaroid-Kamera mit Film (für reales Instagram) und nicht zu vergessen, die «Freitag»-Tasche, die der Nomade für seinen Stadtrundgang ausleihen kann. Ich fühle mich wie in einem Kokon, wegen der Doppelverglasung höre ich gar nichts vom Lärm der Langstrasse und dem Rattern der Züge. Lärm, Dreck, Gestank – alles weit weg. Hier oben ist alles clean, frisch und englisch: «Come as you are» lautet das Motto des Hotels.

Schnell wieder nach unten und die Cinchona Bar anschauen, wo die Gäste schon am Nachmittag bechern sollen. Oder in anderen Worten gesagt: «Am Tresen und im gemütlichen Lounge-Bereich wird die Idee des «Day Drinking» kultiviert, welches den Genuss von gepflegten Highball-Drinks bereits am Nachmittag zelebriert». Highball-Drinks? Das sind laut dem Barkeeper kleine Drinks, damit man sich durch das ganze Sortiment «daydrinken» kann. Neben der Bar fläzen sich ein paar Leute auf die cremefarbenen Sitze und bestellen Highballs. Draussen donnert der Verkehr vorbei, Sirenen und Geheul, drinnen nippt ein Geschäftsmann an seinem «Basil-Smash».

«Naked and Famous»

An der Rezeption besorge ich mir einen Beutel für die Sauna (Aufschrift: «Naked and Famous») und fahre wieder in den siebten Stock, wo mir eine verschwitzte Frau aus dem Gym entgegen joggt. In der Trainspotting-Sauna läuft Musik. Auf Spotify passte sie wohl in die Kategorie «Chillout». Ein Kühlschrank mit Bier steht bereit und während des Saunierens kann den Zügen beim Einfahren in den Bahnhof zugeschaut werden. Zum Entspannen gibt es Liegestühle auf der Terrasse und, was fast noch spannender ist als «Trainspotting»: «Neighbourspotting». Ein Bewohner schräg gegenüber steht gerade oben ohne an der Brüstung und putzt sich die Zähne. Über ihm geniesst einer auf der Chaise Lounge einen kontemplativen Moment. In der Sauna treffe ich ein deutsches Paar um die Dreissig an, sie hätten heute das «Tribeka» erkundet. Ich so: «Ähm, das was?» «Ja, das Quartier rund ums Hotel». Zurück im Zimmer finde ich eine Karte mit der Aufschrift "Tribeka, das steht für TRIangel BEim KAnzleiareal". Somit ein Gebiet in Dreiecksform, begrenzt von der Bahnlinie, der Sihlfeldstrasse und der Sihl im Südosten. Aha! In der Gästebroschüre lerne ich etwas über die angrenzenden Clubs («Das Gonzo lädt zum Tanz in den Untergrund, sofern man den Eingang findet») und einen Supermarkt («Nicht nur für die notwendigsten Kleinigkeiten, sondern immer ein spannendes Erlebnis bietet der kleine Quartierladen, welcher nur eine Minute zu Fuss vom Hotel entfernt ist.»). Ja, wir sprechen hier vom 24-Stunden-Shop an der Langstrasse, wo wir am Samstagabend unser Dosenbier besorgen.

Geschlafen wird vorzüglich, was vielleicht auch an dem Maskottchen «Schlafleu» liegen mag, das über dem Bett wacht. Am Morgen könnte ich joggen gehen: «Jeden Tag von 6 Uhr bis 12 Uhr stehen an der Lobby Frotteetücher, Umgebungskarten mit verschiedenen Joggingkarten und Wasser zur Verfügung», entscheide mich aber für das Frühstücksbuffet im Restaurant Neni. «Hello Naughty Nomad», begrüsst mich die Menukarte. Es gibt Hummus und Dattelmousse, aber natürlich auch Birchermüesli. Es ist acht Uhr in der Früh, die Frau neben mir starrt in den Laptop, zwei Geschäftsmänner diskutieren gedämpft über den kommenden Tag. Auf dem Tisch liegt eine kleine Broschüre mit den News des Tages und dem Börsenkurs von Nestlé. Draussen dreht eine Putzmaschine ihre Runde.

Fazit
Bei der Ausstattung wurde viel Wert auf den Zürcher Bezug gelegt. So gibt es beispielsweise Fototapeten, gestaltet nach Motiven der Zürcher Fotografin Nadja Stäubli. Das Motto des Hotels lautet: «Pocket Universe», ein eigenes kleines Universum. Und genau so fühlt es sich dadrin auch an, eine eigene, abgeschiedene Welt, ein Hipster-Mikrokosmos, wo das Gonzo und der 24-Stunden-Shop ganz weit weg scheinen.

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