16 Jahre Limmatlädeli – wie geht es nach der Schliessung weiter?

Seit Mitte Juni sind die Rolläden an der Limmatstrasse 259 geschlossen – es werden keine Suppen und Würstchen mehr verkauft. Zwei der Angestellten wollen das Konzept weiterführen, allerdings sind sie noch immer auf der Suche nach einem neuen Lokal.
12. Juli 2017

Besuch beim Team – kurz vor der Schliessung – um herauszufinden, weshalb dieses kleine Geschäft so gut lief und das Konzept erhaltenswert ist.

  • Gabi arbeitete in der Küche und möchte zusammen mit Gina das Geschäft an einem neuen Ort weiterführen.
  • Alina kochte im Limmatlädeli und holt ab Sommer in einem Restaurant die Ausbildung zur Köchin nach.
  • Isa arbeitete seit zwei Jahren neben ihrem Studium Teilzeit im Limmatlädeli.

Was sich seit den Anfängen verändert hat

Gabi: Das Geschäft gibt es seit 16 Jahren. Die Inhaberinnen waren Katharina Sinniger und Tine Giaccobo, denen auch die Alpenrose gehörte. Am Anfang haben die beiden auch selber hier gearbeitet, zumindest Katharina.

Alina: Damals war es nicht so wie jetzt. Zu jener Zeit gab es in der Umgebung nicht viel anderes. Alle diese Schulen und Büros, also die Kund*innen von heute, gab es zu dieser Zeit noch nicht. Es wurde höchstens ein Viertel der Mengen gekauft, die heute über den Ladentisch gehen.

Gemüse und gesundes Essen im Allgemeinen ist in den letzten Jahren mehr aufgekommen, richtig?

G: Ja, das liegt jetzt im Trend und unser Geschäft wurde ein bisschen zum Hipster-Laden, obwohl das ursprünglich sicher nicht die Absicht gewesen ist.

A: Überhaupt war die Nachfrage für das ganze Take-Away-Angebot vor 15 Jahren noch nicht so gross wie heutzutage. Aber vom Angebot her hat sich wirklich nicht viel verändert – und das Konzept sowieso nicht. Wir haben immer während fünf Tagen dieselben fünf Suppen im Angebot. Die Idee war ursprünglich, dass man jeden Tag eine andere Suppe essen kann. Die Würstchen, die wir verkaufen, gab es auch schon immer.

Wie viele verschiedene Suppen gibt es in eurer Sammlung?

G: Ein paar hundert.

A: Manche kochen wir regelmässig, andere alle paar Jahre, manche haben wir auch aus dem Sortiment genommen. Ich glaube, mit jedem Personalwechsel sind ein paar neue dazugekommen und ein paar weggefallen. Früher wurde vermutlich noch währschafter, gutbürgerlicher gekocht. Heutzutage kochen wir gesünder, mehr mit Gemüse und etwas leichter.

Die Kundschaft kennen sie beim Namen – ihre Mödeli auch

A: Unsere Klassiker sind schon die deftigen, gutbürgerlichen Schweizer Suppen. Die verkaufen sich gut. Da hast du auch die klassischen Kund*innen, bei denen du genau weisst, welche Suppe sie nehmen. Diese Leute kommen dann auch fünfmal pro Woche vorbei und essen immer die gleiche Suppe.

Die gleiche Suppe. Jeden Tag. Echt?

A: Ja, es gibt viele Leute, die dreimal pro Woche vorbeikommen und oftmals auch wirklich dieselbe Suppe essen. Es gibt zwei Sorten Kundinnen und Kunden: Die einen nehmen jedes Mal eine andere Suppe und wollen möglichst viel Verschiedenes probieren und andere wissen schon im Voraus ganz genau, was sie möchten. Die schauen sich den Rest des Angebotes nicht einmal an.

Wir kennen ihre Sonderwünsche: Wer zwei Stück Brot will, dafür keinen Apfel oder ein Würstchen dazu. Wir kennen auch von vielen den Namen und wissen, wo sie arbeiten, an welchen Tagen sie frei haben und wo sie gerade in den Ferien waren.

G: Das ist aber auch schön, wenn du die Leute schon ein bisschen kennst. Sie kündigen manchmal auch an, bevor sie in die Ferien gehen, damit wir sie nicht vermissen...

Möglichst keinen Abfall produzieren

Ich habe gesehen, dass man auch sein eigenes Gefäss vorbeibringen kann.

G: Ja, das kann man. Die Bemühungen, weniger Müll zu produzieren, haben schon zugenommen. Es haben heute viel mehr Leute ein eigenes Gefäss dabei als noch am Anfang.

A: Früher haben wir den Leuten immer automatisch einen Löffel, eine Serviette, einen Apfel und ein Stück Brot mitgegeben. Irgendwann haben wir angefangen zu fragen, ob sie überhaupt einen Löffel brauchen und seitdem konnten wir unseren Löffelverbrauch auf die Hälfte reduzieren. Viele merken dann, dass sie den Löffel ja behalten können oder gar keinen benötigen, weil sie die Suppe sowieso im Büro oder zu Hause essen.

Verkauft ihr immer alle Suppen?

A: Wenn nicht, dann geben wir die Reste dem Pfarrer Sieber für die Sunnestube. Die befindet sich beim Strauss und ist ein Essenslokal für Menschen, die auf der Strasse leben. Dort können sie am Buffet für fünf Franken essen.

Das macht ihr jeden Tag, wenn ihr Reste habt?

A: Nein, viele Suppen können wir auch am nächsten Tag noch verkaufen. Eine Gulaschsuppe beispielsweise wird sogar besser, wenn man sie nochmals aufkocht. Hingegen alles mit Poulet können wir natürlich nicht aufwärmen. Die Leute von der Sunnestube kommen meistens am Freitag Reste holen, weil wir übers Wochenende geschlossen haben. Sonst rufen wir sie an und innerhalb einer halben Stunde ist dann jemand zur Abholung hier. Sie sind froh darum, denn sie haben in der Stadt nur sieben oder acht Lokale, von denen sie mit Resten beliefert werden.

Wer hier arbeitet und wie ein normaler Arbeitstag aussieht

Seid ihr alle gelernte Köchinnen?

A: Vor etwa zwei Jahren haben wir ein bisschen umstrukturiert. Früher waren die Küche und der Verkauf klar getrennt. Jetzt haben wir das etwas gelockert, damit alle mal in der Küche arbeiten, aber auch ab und zu vorne im Laden verkaufen können. So sind wir etwas flexibler und können abwechseln.

Mir gefällt es super morgens in die Küche zu kommen, das Gemüse selber zu verarbeiten, alles zu würzen und dann die Suppe vorne zu verkaufen. Wenn jemand nachfragt, weiss ich auch alles, weil ich die Suppe ja selber gemacht habe. Das ist auch für die Kundschaft ein grosser Vorteil.

Wobei vielen wohl gar nicht bewusst ist, dass wir diese Suppen direkt da hinten kochen. Manche haben das Gefühl, das werde irgendwo extern von unseren Chefinnen gekocht. Wenn ich dann sage, dass ich gerade meine Kochhose trage und heute den ganzen Morgen in der Küche gestanden sei, sind sie ganz erstaunt.

Wie es hinter den Kulissen zu und her geht

Seid ihr nur Frauen, die hier arbeiten?

A: Zwischendurch haben auch mal Männer hier gearbeitet, aber wir haben es dann wieder bewusst eingeführt, dass wir ein Frauenteam sind.

G: Das ist jetzt vielleicht ein Vorurteil, aber für manche Männer ist es einfach schwierig, sich unterzuordnen. Das habe ich auch schon an anderen Orten erlebt. Sie wissen es dann meistens besser – glauben sie zumindest.

A: Gerade für Köche, die keine führende Position haben und sich dann von einer Frau etwas sagen lassen müssen, ist es nicht einfach. Abgesehen davon ist unsere Verkaufstheke etwa einen halben Meter breit und man muss sich aneinander vorbeiquetschen.

Geht es weiter – und wenn ja, wie?

Ihr wisst noch nicht, ob ihr einen neuen Standort findet. Ich weiss nicht, ob ich das so locker nehmen könnte.

G: Wenn es klappt, dann klappt es. Gina und ich werden die Inhaberinnen des Geschäfts und müssten dann auch Leute einstellen. Es ist schon ein komisches Gefühl, aber wir glauben daran, dass wir etwas Neues finden werden. Wenn es keinen nahtlosen Übergang gibt, ist das nicht so schlimm. Es ist schon schön zu sehen, dass die Leute sich dafür interessieren, wie es weitergeht. Viele haben uns auch Tipps gegeben für Lokale. Es wäre schon wünschenswert wieder etwas hier in der Nähe zu finden, damit wir unsere Stammkundschaft weiterhin bedienen können.

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