13 Gründe, weshalb die Zürcher Kulturpolitik ... (ach, eigentlich ist für dieses Trauerspiel jedes Wort eines zuviel)

Eine Polemik von Philipp Meier, Nachtstadtrat Zürich und ehemaliger Direktor des Cabaret Voltaire.
29. Mai 2017

1. Weil die letzte grosse Vision 40 Jahre zurück liegt

Die letzte kulturpolitische Revolution fand 1980 statt. Seither hat sich die damalige Alternative etabliert. Sprich: Sie ist nicht mehr alternativ. Und neue Alternativen gibt es keine. Diese werden nämlich konsequent dem Kommerz überlassen.

2. Weil Techno kommerziell ist

Alles was die Stadt nach 1980 an Kulturgut hervorgebracht hat, ist – siehe erster Punkt – Kommerz. So wird seitens Kulturverwaltung argumentiert. Nichtsahnend, dass das zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Denn, wenn alles dem Kommerz überlassen wird, dann ist es – Kommerz. Deshalb verschwanden alle spannenden Konzept-Clubabende, installativen Event-Skulpturen und performativen Party-Inszenierungen, die diese Stadt hervorbrachte eher früher als später.
Das sagt mehr über die Ignoranz der verantwortlichen Kulturpolitiker*innen, als darüber, was die Stadt an Kulturgut hervorbringt.

3. Weil die Streetparade nie ein offizieller Teil dieser Stadt wurde

Wer die Anfänge der Streetparade kennt, weiss, dass sie einen etwas anderen Hintergrund hat, als sie heute zu haben scheint. Klar, es ging im Kern ums hedonistische Feiern ohne politische Message. Und trotzdem setzte sie ein Zeichen und machte sichtbar, was damals vor allem im Untergrund zelebriert wurde: Das exzessive Feiern in einer Art «realen Virtualität».
Trotzdem rümpfen bis heute (fast) alle Stadträte ob dieses unzwinglianisch hedonistischen Feierns die Nase und bürden der Streeparade alle möglichen Auflagen auf. Dadurch wird sie gezwungen – du kannst es erahnen – möglichst kommerziell zu sein.
Umgekehrt wird die Stadt Zürich mit ebendieser Clubkultur beworben, für die die Streetparade quasi der Leuchtturm ist.

4. Weil die Digitalisierung ... (du kannst es erahnen)

... dem Kommerz überlassen wird.
Das Web hat die Kultur- und Kunstproduktion explodieren lassen. Nie war mehr Gestaltung. Und nie war es einfacher, Kunst zu produzieren, Kunst zu vermitteln, Kunst zu rezipieren, Kunst zu konsumieren, Kunst zu kuratieren, Kunst zu rezyklieren, etc.
Die Stadt Zürich brüstet sich zwar gerne mit der Ansiedlung von Google (wie sie sich gerne auch mit dem Partyleben brüstet), delegiert jedoch die Digitalisierung an die von ihr geförderten Institutionen – wobei sie von Kulturhäusern als Kennzahlen nicht beispielsweise die Reichweite ihrer Vermittlungsbemühungen oder die Produktivität ihrer Community, sondern ganz simpel die Anzahl der Eintritte.

5. Weil das Parkett keinen Nachfolger hat

Ich muss nicht bei jedem Punkt viele Worte verlieren. Dass die renommierte Kunst-Zeitschrift Parkett, die als eines der grössten Flaggschiffe für das Zürcher «Kunstwunder» galt, jüngst eingestellt wurde, ist als solches Symbol genug.

6. Weil die grossen Institutionen immer mehr kriegen und die kleinen viel weniger mehr

Dass die Politik dieser Stadt nur halb so «rot-grün» ist, wie sie sein könnte, zeigt sich am Besten in der Kulturpolitik. Ohne Plan und Visionen werden einfach Institutionen massiv ausgebaut, die eh schon gross sind – vom Schauspielhaus (Schiffbau) bis zum Kunsthaus (Erweiterung). Damit keine Unruhe entsteht, werden an die kleinen Institutionen quasi Schweigegeld-Brosamen verteilt. Gefühlt ging in den vergangenen 20 Jahren die Schere zwischen den Budgets der grossen und kleinen Kultur-Institutionen massiv auseinander. Und in der Tendenz sind die grossen viel weniger agil und innovativ, als die kleineren Häuser.

7. Weil auch Games nur Kommerz sind

Unter «Mobile» fördert die in Zürich ansässige Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia seit vier Jahren Games. Ohne die zuständigen Exponenten der Stadtzürcher Kulturförderung gefragt zu haben, erahne ich ihre Eischätzungen: Games sind (natürlich) Kommerz (und es ist mir zu dumm, hier nun ausführen zu müssen, wie wichtig und teils anspruchsvoll Games sind)

8. Weil null Interesse für Off-Kultur

Gerät ein besetztes Grundstück wie das Koch-Areal in eine Medien-Kampagne, dann tut die Kultur-Abteilung der Stadt das, was sie am besten kann: Nichts. Dabei geht vergessen, dass vieles, das heute selbstverständlicher Teil der Zürcher Kulturlandschaft ist, in der Subkultur zu spriessen begann. «Rot-grün» ist auch hier einfach nur noch ein scheinheiliges Mäntelchen für «sich in roten Samt-Pantoffeln auf grünen Lorbeeren ausruhen».

Ein von @da_frei geteilter Beitrag am

9. Weil verwalten gross und gestalten klein geschrieben wird

Vordergründig ist der Gestaltungsspielraum im Zürcher Kulturdepartement relativ klein. Der grösste Teil der Kulturbudgets ist an Institutionen gebunden. Deshalb kann nicht von heute auf morgen eine neue Digital- oder Clubkultur-Förderung aus dem Boden gestampft werden. Aber weil in der Kultur-Politik und in der Verwaltung diesbezüglich so gut wie keine Kompetenzen vorhanden sind, sind da auch keinerlei Initiativen zu erwarten.

10. Weil die Stadt explizit die Kommerzialisierung vorantreibt

Dass die Kulturförderer*innen der Stadt Zürich alles Neue dem Kommerz überlassen ist das Eine, dass die Stadtverwaltung jedoch die Kommerzialisierung der Kultur- und Kreativszene massiv vorantreibt, das viel unsäglichere. Wer in Zürich irgendein Lokal eröffnen möchte, muss derart viele Auflagen erfüllen, dass es erstens oft ein grosses Startkapital braucht und zweitens – zusammen mit der Miete – der Betrieb in höchstem Masse kommerziell geführt werden muss. Der Spielraum für Experimente, innovative Konzepte oder sonst irgendwelche kreative Settings liegt deshalb beinahe bei Null.

11. Weil die kreativ(st)en Köpfe Zürich verlassen oder nicht nach Zürich kommen

Die vorgenannten Punkte und ganz grundsätzlich ein innovations- und experimentierfeindliches Klima führen dazu, dass spannende Köpfe die Stadt Zürich verlassen oder nicht nach Zürich kommen. Die zwei jüngsten Beispiele: Die !Mediengruppe Bitnik, die mit ihren Medienkunst-Hacks immer wieder international für Furore sorgen und inzwischen in renommierten Kunsträumen ausstellen können und an grosse Festivals eingeladen werden, ist vor einem Jahr nach Berlin gezogen. Und Milo Rau, aktuell einer der spannendsten Theatermenschen, erteilte letzthin dem Schauspielhaus Zürich eine Absage und übernimmt lieber die Intendanz am Nationaltheater in Gent.

12. Weil nie eine kulturpolitische Diskussion geführt werden kann

Das ist wohl der bitterste aller dieser Punkte: Alle, die die Kulturpolitik der Stadt Zürich kompetent kritisieren könnten, sind dazu verdammt, still sein zu müssen. Denn das lokale, überregionale und nationale Kulturfördersystem ist derart miteinander verstrickt, dass nie eine Grundsatzdiskussion ins Rollen kommen wird. So habe ich bei meiner kleinen Recherche zu diesem Listicle mehrmals zu hören gekriegt, dass sehr begrüsst wird, dass ich diese Kritik übe, aber niemand konkret dazu Stellung nehmen möchte (das geht so weit, dass gewisse Exponenten sogar ganz konkret Maulkörbe erhielten).
Und wer es trotzdem wagt, Kritik zu üben, wird entweder zur Seite genommen und darauf hingewiesen, dass die Kritik nur Wasser auf die Mühle der Kulturabschaffer sei, oder er oder sie wird öffentlich dahingehend diffamiert, dass es nur um Neid gehe.

13. Weil die Angst vor Kritik total lähmend wirkt

In der Zürcher Stadtverwaltung ist vorauseilender Gehorsam weit verbreitet. Bereits bei der Ausarbeitung von Vorlagen wird vom kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner mit den Kritiker*innen ausgegangen. Die öffentliche Debatte wird richtiggehend gescheut. Wir müssen sehr weit zurückblicken, um zu sehen, dass sich in dieser Stadt Kulturpolitiker*innen und Verwaltungsdirektor*innen engagiert für kulturelle Freiräume einsetzten oder sich schützend vor angegriffene oder kritisierte Institutionen stellten.

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