1001 Koran: «Gott mag gross sein. Meine Angst ist grösser.»

12. Dezember 2016
Journalist

Willkommen in der Krise! Zuschauer sitzen auf Kissen am Boden. In der Chorgasse, diesem beengten Theaterraum des Theater Neumarkts, in dem man immer nur die Hand ausstrecken muss, um die Schauspieler zu berühren. Diesem beengten Theaterraum, in dem die Luft so knapp ist, dass ihn das Publikum durch blosse Anwesenheit beheizen kann. Wenn dann noch basslastiger Rap performt wird, brätscht das Thermometer Richtung Sauna.

Der Musiker Johannes Mittl und der Schauspieler Samuel Braun – beide mit fetten Ketten um den Hals – starten mit «Zugezogen Maskulin»: «Du hast viele Träume. Wir haben viele Zäune.» Willkommen in der Krise. Das Publikum wippt den Beat mit. Bass wie bei einem Live-Konzert. Bass im Sitzen. Strobo, viel Strobo.

1001 Koran lässt Geschichten aus 1001 Nacht mit Migranten-/Studenten-Rap/Biobürger-R'n'B und mit Berichten aus dem Syrienkrieg clashen. Das tönt nicht so spassig. Gerade wenn die diversen Rap-Subgenres Spass machen, tönt ein solcher Abend als Gesamtpaket unspassig und unangebracht. Und in diesem Theatermenschenkuchen halten sowas wohl sehr viele für unangebracht: Auf meinem Klo stapeln sich die Theatermagazine, die einmal fünf Essays versammeln, weshalb Theater nicht (konkret) politisch sein darf, um dann in der nächsten Ausgabe fünf zu versammeln, die erklären, weshalb Theater politisch sein muss.

1001 Koran macht einen grossen Fehler: Der Titel impliziert vertiefte Auseinandersetzung mit dem Koran. Der Titel ist in etwa so reflektiert wie die Frisur von Andreas Thiel. Der Koran dringt in einigen Muezzingesängen durch, darüber hinaus wird sich mit dem Buch aber nicht auseinandergesetzt. Bei dieser Themenvermengung ist ein solcher Titel natürlich heikel. Um Religion geht es in 1001 Koran aber eigentlich gar nicht. Mehr darum, wer ist ich (zum Beispiel: Ich = Westeuropäer), wer ist wir (zum Beispiel: wir = besorgte Bürger) und wer sind die anderen (zum Beispiel: Andere = Geflüchtete auf Lampedusa). Diese Ichs und Wirs werden remixed und gemashuped. Denn bei 1001 Koran geht es auch darum, wie viel und was auf was projiziert wird. Es ist ein Cut-Up darüber, wie wir uns den Orient zusammenromantisieren, Geflüchtete sich den Westen zusammenromantisieren, Rap-Sound ein bestimmtes Lebensgefühl romantisiert. Die Elemente:

Studentenrap, der die westliche Gesellschaft kritisiert - im Theater!
Migrantenrap, der die westliche Gesellschaft kritisiert - im Theater!
Biobürger-Pop, der selbstgerecht über die westliche Gesellschaft jammert - im Theater!
Ein Märchen, mit Unterbrüchen erzählt – im Theater! Natürlich mystisch, exotisch, mit vielen parabelhaften Elementen, so geht es um den Fremden, der ankommt, der sich als Betrüger entpuppt. Um den guten Herrscher, darum, wie Macht korrumpiert und dann auch um Folter und Tod.
Womit wir beim letzten, diesen Abend prägenden Element wären: Berichte aus dem Syrienkrieg. Natürlich sind auch die: im Theater!

Jedes Element dieses Mashups folgt einer eigenen Ästhetik: Rücklicht und kindliche Stimme während der Märchenpassagen nehmen dem Westeuropäer Samuel Braun die körperliche Erscheinung, wandeln die Rapcrew-Rampensau zur allgemeinen Instanz. Ebenso dunkel ist der Raum bei den Berichten aus dem Syrienkrieg, die – weichgeklopft von Fatoni, K.I.Z, Celo & Abdi und Zugezogen Maskulin – erschüttern, erneut erschüttern, obwohl man die Fakten schon kennt, ähnliche Augenzeugenberichte schon kennt. Der dauernde Cut-Up, der Sound, der Genresprung im Sound, die Märchenstunde. Man wird weichgeklopft, eben hörte man noch vom Geisterkönig, der Wünsche erfüllt und dann schon: «Einmal fiel die Lüftung einen ganzen Tag lang aus. Am nächsten Tag waren sieben von neun tot.» «Wie oft hast du den sexuellen Dschihad praktiziert?», «Er ist kein Mensch mehr; er ist nur noch ein Körper.»

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Warum funktioniert dieser Abend? Pop-Kultur, Mann! Drum kann man das machen. Katharsis, Baby. Also: Katharsis, Baby! Da war Energie dahinter, die aus Versatzstücken von Bekanntem griff, von Bekanntem, das direkt was will und nicht über die Bande der Kunst. Pop bedeutet Freiheit von jedem arroganten Kunst-nur-um-der-Kunst-willen-Geprotze. Samuel Braun und Johannes Mittl gelingt es, Wirkung zu erzeugen: Reizüberflutung, klare Haltung, Wut, Frustration. Wirkung, das ist was Pop haben muss. 1001 Koran löst mehr aus, als das hundertste Essay darüber, ob man Geflüchtete auf deutschsprachigen Theaterbühnen zeigen soll. Betroffenheits-Blabla-Essay, versetzt mit 20 Jahren-Berufsblindheit und einem zynischen Shot Branchentrend. Die les ich sogar auf dem Klo nur selten.

Pop-Kultur ist frei, ist auch oft dekadent, brüchig, billig, kommerzverblödet, aber man kann sie nutzen. Man kann die Geborgenheit nutzen, die ich während Tracks, die ich liebe, empfinde. Die Geborgenheit, die der ganze Raum empfindet. Man kann den kindlichen Übermut am Mic nutzen. 1001 Koran nutzt ihn gekonnt. «Gott mag gross sein. Meine Angst ist grösser.» Dieses Grundgefühl hallt an diesem Abend nach. Es trägt ein paar Zeitzonen weit weg vom Zürcher Niederdorf.

Danach, beim Rauchen, habe ich mich mit drei Kantischüler*innen gesprochen. Sie haben keinen der Songs gekannt. Immerhin im Theater lernen sie mal etwas Rap kennen.

  • 1001 Koran - Ein Sample von und mit Samuel Braun, Johannes Mittl feat. your imaginary friend
  • Nächste Vorstellungen am 20.12./21.12./13.1./14.1.

Benj von Wyl war bis 31.7. 2016 Mitarbeiter des Theater Neumarkts. Er schuldet dem Theater nichts.

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Titelbild: Vanessa Püntenter

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