100 Jahre Landesstreik: Revolution oder Sieg über den Kommunismus?

Am 100. Jahrestag des Generalstreiks strebt die SVP nach einer Umdeutung des von linker Seite gefeierten Ereignisses. Nicht die damit erreichten sozialistischen Forderungen seien ehrenswert, sondern der Sieg über den Kommunismus und damit die Soldaten und Behörden von damals.
09. November 2018

Für Linke und Gewerkschaften ist der Generalstreik ein Meilenstein für ihre Politik. Wichtige Sozialreformen sind direkt darauf zurückzuführen. Nun streben rechte Politiker*innen danach, allen voran Alt-Bundesrat Christoph Blocher, das historische Ereignis umzudeuten. Nicht ein Sieg der Arbeiterschaft sei es gewesen, sondern ein Sieg des Militärs und des Schweizer Volks über die Bolschewikis.

Am Dienstag, 13. November wird Blocher in Uster ein Referat «100 Jahre Generalstreik» abhalten. Dabei wird er der Bevölkerung, den Behörden und Soldaten von damals danken. Doch dabei spricht er ebenso einen Dank an jene Leute aus, die damals die Proteste und Arbeiterschaft niedergeschlagen haben, also mit Gewalt gegen den Generalstreik vorgegangen sind und die Forderungen für die Besserung der Arbeitsverhältnisse strikt abgelehnt haben.

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Damit instrumentalisiert Blocher den Generalstreik für seine Zwecke – also für rechte Zwecke. Dies kann die Linke nicht auf sich sitzen lassen. Deshalb mobilisieren verschiedene linke Gruppierungen gegen den Anlass der SVP und dem damit verbundenen rechten Gedankengut. Mit dem Titel «Blocher hau ab! Uster bleibt solidarisch!» wird deshalb am 13. November zur Demo in Uster aufgerufen. Welche Seite dabei die wahre Deutung des Landesstreiks vertritt, bleibt wohl Ansichtssache. Ein Blick zurück ist trotzdem unumgänglich.

Vor 100 Jahren – Kurz vor dem Bürgerkrieg

Es war der Ersten Weltkrieg, der die Arbeits- und Lebensbedingungen der damaligen Arbeiter*innen drastisch verschlechtert hat. Was, obwohl die Schweiz weitestgehend vom Krieg verschont bleibt, beinahe zum Bürgerkrieg führt. Die Bevölkerung kann sich kaum selbst versorgen. Auf Unterstützung ist jede*r sechste Schweizer*in angewiesen. Mit «Speisesäli» und verbilligter Kartoffelabgabe versuchen die Städte, die Notlage zu lindern.

Da die Schweiz für den Ersten Weltkrieg Waffen und Munition produziert und exportiert, können noch nie dagewesene Gewinne erzielt werden. Die Schere zwischen den Kriegsprofiteuren, also der Unternehmer, und der Arbeiter*innenschicht wird immer grösser. Die Wut brodelt in der Arbeiterklasse. Aus Angst vor einer Revolution nach russischem Vorbild rüstet sich die Bourgeoisie gegen den Klassenkampf.

Der Aufruf zum Umsturz

Dann erscheint in der sozialdemokratischen Zeitung «Volksrecht» ein Aufruf an die Arbeiter*innenschaft. Sie soll sich den 10. November freihalten. Damit will die Sozialdemokratische Partei den Tag der russischen Revolution feiern. Der Bundesrat und die Armee glauben in dem Aufruf eine versteckte Botschaft zum Umsturz zu erkennen, und lassen darauf in Zürich, Basel und Bern insgesamt 100’000 Soldaten aufmarschieren.

Dieses Aufgebot interpretieren die Arbeiter*innen wiederum als Provokation. Darum ruft das Oltener Aktionskomitee OAK am 9. November 1918 einen 24-stündigen Proteststreik aus.

Am nächsten Tag werden in Zürich Versammlungen von Streikenden mit Warnschüssen der Armee aufgelöst. Dabei verletzen sich drei Arbeiter*innen und ein Soldat stirbt. Die Grossbetriebe werden geschlossen und auch die Zeitungen können an diesem Tag nicht erscheinen. Als Reaktion auf die Handlungen der Armee ruft das OAK den landesweiten Generalstreik aus.

Der landesweite Generalstreik

Darauf legen rund 250’000 Menschen ihre Arbeit nieder. Obwohl die Grossbetriebe der Metallindustrie ihre Tore öffnen, erscheint niemand zur Arbeit. Der Betrieb wird eingestellt. Auch der öffentliche Verkehr kommt zum Erliegen. Zwei Tage lang bewegt sich nichts in der Schweiz. Bis der Bundesrat am 13. November ein Ultimatum stellt. Der Streik müsse sofort beendet werden.

Aus Angst vor einem Bürgerkrieg und weitere Eskalation kapituliert ein Teil des OAKs vor dem Ultimatum des Bundesrates. Sie akzeptieren die Vorgaben, den Streik bedingungslos abzubrechen, und rufen zur Beendigung des Streiks auf. Die Bewegung ist enttäuscht und empört. Das OAK wird der Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie bezichtigt.

Einige Arbeiter*innen folgen dem Aufruf des OAKs nicht und blockieren die Bahnstrecke in Grenchen. Die Armee interveniert. Drei Arbeiter*innen kommen ums Leben. Damit endet der Streik endgültig. Auf die Forderungen der Arbeiter*innenbewegung wie Neuwahlen, Arbeitsreduktion und Alter- und Invalidenrente wird nicht eingegangen. Als Siegerin der Auseinandersetzungen lässt sich die Armee feiern. Genau darauf will Blocher mit seinem Referat aufmerksam machen.

Die Folgen

Doch dem Bundesrat wird aufgrund des Generalstreiks bewusst, dass sich etwas ändern muss. Die ersten Forderungen werden bereits wenige Wochen nach Streikabbruch erfüllt. Bessere Löhne, Reduktion der Arbeitszeit und Neuwahlen nach dem Proporzsystem. Dadurch gewinnen die Sozialdemokrat*innen immer mehr Einfluss im Parlament und in den kommenden Jahren werden weitere Streikforderungen auf Druck der Arbeiter*innenklasse umgesetzt, wie Alters- und Invalidenversicherung und viele Jahre später auch das Frauenstimmrecht. Nebst der Gründung des Bundesstaates gilt der Generalstreik als wichtigstes Ereignis der Neueren Geschichte, da er einen grossen Einfluss auf das heutige Gesellschaftssystem hat.

Streiks waren nicht nur früher ein politisches Mittel, um auf Bedürfnisse aufmerksam zu machen und Änderungen zu verlangen, auch heute noch sind sie relevant. Wie beispielsweise, als im Oktober in Genf Bauarbeiter*innen streiken, damit der Baumeisterverband und die Unia ihre Verhandlungen über den Gesamtarbeitsvertrag fortsetzen. So auch am 6. November als Bauabeiter*innen in Zürich verschiedene Baustellen, wie den Flughafen oder im Gubrist-Tunnel wegen der gleichen Thematik bestreiken.

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Auch ist am 14. Juni 2019 ein nationaler Frauen*streik geplant. Dieser wird momentan noch von den Gewerkschaften und der BFS Zürich getragen. Vor knapp 30 Jahren hat in der Schweiz der letzte Frauenstreik stattgefunden. Über die letzten Jahre wurden feministische Forderungen immer lauter. Daher sehen die Organisatoren die Zeit reif für einen weiteren Streik, um auf feministische Forderungen aufmerksam zu machen und Druck auszuüben.

Heute hundert Jahre später ist die Wichtigkeit des Generalstreiks unbestritten. Von den damaligen Errungenschaften profitieren wir alle heute noch. Trotzdem strebt Blocher eine Umdeutung des historischen Ereignisses für seine Zwecke an. Dies stösst auf Widerstand. Für viele ist es beschämend, dass so ein linkes Ereignis mit linken Forderungen und Errungenschaften für bürgerliche Zwecke und Loblied aufs Militär missbraucht wird. Deshalb wird nicht nur Blocher und die SVP in Uster sein, sondern auch ein Demonstrationszug gegen die Umdeutung des Generalstreiks.

Titelbild: Baugeschichtliches Archiv


Falls du noch mehr über den landesweiten Generalstreik wissen oder dich selber informieren möchtest, findet am Samstag 10. November 2018 in Olten ein Jubiläumsanlass statt. Alles Infos dazu findest du hier.

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