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10 Orte, die Zürichs koloniale Vergangenheit zeigen

Die Schweiz hatte nie eigene Kolonien. Plantagewirtschaft, Völkerschauen und Rassentheorien gehörten vor rund 100 Jahren dennoch zum Alltag der Zürcher*innen. Das prägte nicht nur das Stadtbild, sondern auch unser Denken bis heute. Eine Spurensuche in der Zürcher Geschichte.
03. Juli 2020

Im Zuge der aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegung rückt Zürichs koloniale Vergangenheit erneut in den Fokus der Medien. Auch der Verein Zürich Kolonial, der aus dem akademischen Umfeld der Geschichtswissenschaften in Zürich entstanden ist, entwickelt derzeit einen Audioguide, durch den man den Spuren der Zürcher Kolonialgeschichte folgen kann. Wir von Tsüri.ch haben dieses düstere Kapitel der Geschichte bereits im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit dem Theater Neumarkt aufgearbeitet. Aufgrund der aktuellen Umstände haben wir beschlossen, den Beitrag erneut zu publizieren.

1. Villa Sumatra

Die Villa Sumatra stand bis in die 1970er Jahre an der Weinbergstrasse 56/58. Sie gehörte dem Appenzeller Karl Krüsi, der als einer von vielen Schweizern im 19. Jahrhundert mit dem Tabakgeschäft auf Sumatra reich wurde. Die danebenliegende Sumatrastrasse und der Sumatrasteig sind noch heute nach der Villa benannt.

Die Villa Sumatra vor 1900 (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

2. Zoo Zürich

1930, und damit nur ein Jahr nach seiner Eröffnung, fand im Zürcher Zoo die erste Völkerschau statt. Im sogenannten «Senegalsendorf» erhielten Zürcher*innen Senegales*innen beim Essen, Kochen und bei der Ausübung ihres «traditionellen» Handwerks beobachten.

3. Universität Zürich

Die Universität Zürich war gemäss dem Historiker Pascal Germann anfangs des 19. Jahrhunderts ein wichtiges Zentrum der globalen Rassenforschung. Anteil daran hatte insbesondere der Anthropologe Rudolf Martin, der 1899 den ersten Lehrstuhl für physische Anthropologie der Schweiz einnahm. Seine Methoden der Körpervermessung, die er im «Lehrbuch der Anthropologie» festhielt, sollten für die weitere Forschung im Bereich der «Rassenhygiene» wegweisen sein.

4. Globus

1933 führte das Zürcher Warenhaus Globus die Werbefigur des «Weissen Negers» ein, mit dem für sogenannte «Weisswaren» geworben wurde. Für die Kulturwissenschaftlerin Patricia Purtschert folgt die Figur aus mehrerer Hinsicht kolonialen Mustern. Die Karikatur des schwarzen Jungen weist einerseits vermeintlich typische «Rassenmerkmale» wie einen überdimensionierten Kopf oder stark betonte Lippen auf. Andererseits steht «weiss» als «hygienisch», «schwarz» als «unhygienisch» gegenüber.

5. Schwarzenbach Kolonialwaren

Geschäfte wie die 1912 gegründete Schwarzenbach Kolonialwaren stillten das Bedürfnis der Zürcher*innen nach «exotischen» Produkten. Sogenannte Kolonialwaren wie Kaffee, Tee, Gewürze oder Zucker wurden im frühen 20. Jahrhundert immer erschwinglicher. Dass die Produkte dadurch zu Massenwaren wurden, hatte aber eine Schattenseite: Ausbeutung und Gewalt waren auch nach Abschaffung der Sklaverei auf den Überseeplantagen alltäglich.

6. Völkerkundemuseum

Im Völkerkundemuseum lassen sich heute Objekte, Fotografien, Video- und Tonaufnahmen aus aller Welt bestaunen. Die meisten Sammlungsgegenstände sind auf Schweizer*innen zurückzuführen, die in Überseekolonien lebten und arbeiteten. Dieses gehörte ursprünglich dem Erdölgeologen und späteren ETH-Professor Wolfgang Leupold. Leuopold stellte sich 1921 in den Dienst der niederländischen Kolonialregierung, um als Erdölprospektor den Nordosten Borneos zu erforschen. Insgesamt sechs Jahre verbrachte er mit seiner Frau in der Kolonie.

7. DKSH Holding

Mitten im Zürcher Seefeld befindet sich der Handelshauptsitz der Firma DKSH. Das Unternehmen ist auf Wilhelm Heinrich Diethelm, Eduard Anton Keller und Hermann Siber zurückzuführen, die unabhängig voneinander Handelshäuser in Singapur, auf den Philippinen und in Japan aufbauten. Diese schlossen sich 2002 zur DKSH Holding zusammen. Noch heute profitiert das börsenkotierte Unternehmen von den engen Beziehungen zu Asien, die seine Gründer in der Kolonialzeit knüpften.

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8. Villa Patumbah

Der Bau der Villa Patumbah wurde 1883 vom Millionär Karl Fürchtegott Grob in Auftrag gegeben. Sein Vermögen machte Grob mit einer Tabakplantage auf Sumatra, das damals zum niederländischen Kolonialreich gehörte. Die Villa beherbergt heute das erste Heimatschutzzentrum der Schweiz und ist für die Öffentlichkeit zugänglich.

9. Seefeld

Gemäss dem Historiker Andreas Zangger war das Seefeld im 19. Jahrhundert ein Hotspot für Zürcher Auswanderer*innen, die aus den Kolonien zurückkehrten. An der Zollikerstrasse 107 wohnte der ehemalige Tabakpflanzer Fritz Meyer-Fierz. Auf dem Land, das sein Anwesen umgab, befindet sich heute der neue botanische Garten der Universität Zürich. In der Villa Hagmann an der Zollikerstrasse 115/17 residierte einst Rudolf Hagmann, der eine Kaffee- und Zuckerplantage in Guatemala betrieb. Auch sein ehemaliger Wohnsitz gehört nun der Universität: Das Gebäude beherbergt das Ethikzentrum der Philosoph*innen.

10. Bellvoirpark

Die Villa im Belvoirpark war früher das Domizil der Familie Escher. Familienoberhaupt Heinrich erwirtschaftete sein beträchtliches Vermögen mit einer Kaffeeplantage auf Kuba, auf der Sklaven gearbeitet hatten. Sein Sohn Alfred, der unter anderem für die Gründung der ETH oder den Gotthardunnel erinnert wird, erbte einen Teil dieses Vermögens sowie das Herrenhaus im Belvoirpark. Alfred Escher wäre dieses Jahr 200 Jahre alt geworden.

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