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10 Alternativen, die verlogen sind

15. November 2016

Die Selbsthilfegruppe 0 besteht als Selbsthilfegruppe aus Mitgliedern, die verzweifelt sind. Ihre Mitglieder sehen Optionen, die keine sind. Sie erleben Rassisten-Alternativlosigkeit, Law-and-Order-Alternativlosigkeit, Beschäftigungs-Alternativlosigkeit. Sie erleben die neoliberale Vereinnahmung. Sie erleben die Dauerbeschallung via Filter Bubble. Sie haben letzte Woche auch sehr viel Medien konsumiert. Alles zur Grumpy Cat Donald.

Aber da man in eine Selbsthilfegruppe eintritt, um etwas zu verändern, stellt sie sich ihrer Empfindung von Alternativlosigkeit. Diesem durchdringenden Unbehagen, das von der Ahnung ausgelöst wurde, dass alles, was wir tun keine wirkliche Veränderung bringt. Höchstens das Unbehagen vergrössert. Letzte Woche suchte die Selbsthilfegruppe 0 Bestätigung und erlebte sie torkelnd zwischen Politologen, deren Berechnungen von Donald Trumps Wahlsieg in Echtzeit umgestürzt wurden. Sind die auch, sind also alle Menschen Teil der Selbsthilfegruppe 0?

Die Selbsthilfegruppe 0 beginnt ihre Sitzungen mit einem Spiel: „Alternativen versenken“. Jemand am Tisch nennt eine vermeintliche Alternative und die Selbsthilfegruppe 0 spielt solange bis sich entweder die Selbsthilfegruppe 0 auflösen kann (dafür hat sie im Vorgarten gekühlten Champagner vergraben), da ein echtes Zukunftsmodell jeder Kritik standhält oder die zerschlagene Alternative bestätigt die gemeinsame Empfindung. Eine Alternative zu finden, ist nicht einfach, denn Alternativen, das sind für die Selbsthilfegruppe 0 keine solchen „für Deutschland“, sondern eine neue Gesellschaft oder zumindest Schritte hin zu einer neuen Gesellschaft, die es sich zu gehen lohnt.

Bisher haben wir nur verlogene gefunden:

10. Hedonismus

Hedonismus gibt es als Lustmaximierung oder Unlustminimierung. Lustmaximierung, das wär so viel Spass und/oder Drogen und/oder Sex und/oder Brunchs und/oder Trekkingtouren und/oder Automessen und/oder Clubnächte wie möglich. Für dich. Für alle.

Die andere Variante wäre kein Aufstehzwang und keine Geldsorgen und keine gesellschaftlichen Ansprüche und keine Verantwortung und, und irgendwie fehlt uns bei der Unlustminimierung die kreative Inspiration. Der Kampf für eine solche Gesellschaft beisst dem Hedonismus als Haltung aber in den Schwanz: Man kann ihn führen, aber der ist dann anstrengend und ganz unhedonistisch.

Im (durchdachten und reflektierten) Manifest der Hedonistischen Internationalen heisst es:

[Die Hedonistische Internationale] weiss nicht wie die Ziele erreicht werden können, sondern nur, dass etwas passieren muss, um Freiheit und Genuss für alle zu verwirklichen.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Macht's gut und danke für den Fisch!

9. „Das ist unser Haus!“

Ton, Steine, Scherben haben es gesagt. Viele andere sagen es: „Dieser Ort gehört uns. Die Gesellschaft ist schlecht, aber hier organisieren wir uns so, wie wir es wollen.“ Die Kinder von Stadtrat Leupi sagen das mutmasslich auch. Dinge wie: „Kommst du morgen zur Party in's Blaue Haus?“ „Wir sind eine selbstverwaltete Genossenschaftsschreinerei mit 30-jähriger Tradition!“ „Wir fahren jedes Jahr ans Rainbow Gathering nach Österreich.“ „Vor der Fusion ist nach der Fusion.“ „Wir wollen auf dem Napf eine Permakultur gründen, wo wir alle Entscheidungen gemeinschaftlich treffen!“

Es gibt sie, die progressiven, die linken, die autonomen Inseln. Natürlich musst du sie verteidigen. Aber sie sind auch (d)ein Fetisch. Du ziehst dich zurück. Sie sind deine Echtwelt-Filterbubble. Und werden leider vom System gehegt, welches sie überwinden wollen.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Wenn du jeden Tag bekifft Seitan herstellst und dabei Rage Against The Machine hörst, tust du, was sie wollen.

8. Viele kleine Taten, verändern die Welt.

Viele kleine Schritte. Viele kleine Seitanklopse schaffen eine Seitanwelt. Aber diese Welt besteht dann nur aus Seitan, sagt nur was über Seitan aus und ihr entspringt nichts anderes als Seitan.

Und eine kleine Seitanwelt plus eine kleine queere Clubnacht-Welt plus eine kleine Flüchtlingsaktivistenwelt gibt keine Welt. Es sind dann kleine Welten, die vielleicht viel Überschneidungsfläche haben, aber dann gibt es auch die Seitanproduzent_innen bei Ecopop, die queeren Credit Suisse-Manager_innen usw.

Dieses Prinzip der kleinen Schritte verspricht was Ähnliches wie die Hollywood-Romcom: Eigentlich brauchst du nur ein reines Gewissen, dann kannst du deine Träume verfolgen. Dann kommt's schon gut. Aber die vielen kleinen Schritte verbinden sich nicht zwingend. So kannst du Grundsätzliches gar nicht in Frage stellen, sondern bekommst immer neue Möglichkeiten, dich in der bestehenden Gesellschaft zu verwirklichen/einzugliedern. Opportunities, you know.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Du arbeitest als Bankkundenberater, wählst aber Grün und magst Peperoncini Confit.

7. Parteipolitik

Bewegungen, Parteien, Arbeitsgruppen, Arbeitergesangsvereine. Verbinde dich mit anderen und organisier dich! Es gibt in der Schweiz abgesehen vom „Wir sind die wahre FDP“-Verein Operation Libero nicht wirklich eine Gruppe, die für was Neues, Zukunftsgerichtetes einsteht. Natürlich geht das Gespenst des Proletariats seit über 160 Jahren um in Europa. Du kannst zur SP und wenn du willst zur JUSO und wenn du es wirklich wissen willst zum Funken „der revolutionären Strömung in JUSO und Gewerkschaft“. Du hast Ethnologie studiert? Natürlich bist auch du ein Proletarier. Übrigens: Die Rednerliste ist noch eine Viertelstunde lang offen. Die Delegiertenversammlung dauert dann etwa sechs Stunden.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Du bist stolz, dass im Programm was von „Überwindung des Kapitalismus“ und „Abschaffung der Armee“ steht. Mobilisierung für den ausserordentlichen Parteitag – fuck yeah!

6. The 99%

Die 99% sind wütend, denn die 99% wurden verarscht und die 99% schliessen sich zusammen, da sie vom 1% verarscht wurden und dann gehen die 99% protestcampen und organisieren Demos und stören den Bankkundenberater aus Punkt 8. Dann müssen sich die 99% überlegen, was sie eigentlich alles wollen und merken, sie haben sich organisiert, um was getan zu haben. Und sie wollen gar nicht das gleiche. Manche möchten den Bankkundenberater massieren, andere wollen ihm Farbbomben anschmeissen. Und die 99% zerfallen in viele Promille, die alle ein bisschen frustrierter sind, als damals, als sie die 99% noch gar nicht gewesen sind.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Wenn du willst, was alle 99 % gemeinsam wollen, willst du MAOOOAM!

5. Love the System

So vieles kannst du gestalten, wenn du dich einfach durchringen kannst, „JA“ zu sagen. Wenn du wirklich Karriere machst, kannst du auch spenden. Möglichst nützlich. Du kannst Cocktails trinken, einen Geländewagen fahren. Du schläfst durch. Du bist ausgeglichen. Morgens vor der Arbeit leistest du dir einen Mandarinlehrer, abends perfektionierst du im Einzelunterricht deine Brustschwimmtechnik. Am Anfang war es noch etwas Spezielles, einen Tausender anzufassen. Diese erste Verliebtheit läuft sich aber irgendwann aus. Trotzdem, das ist wie bei alten Ehepaaren: Eigentlich ist alles gut.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Fick doch einen Bankautomaten!

4. Love your hate (for the system)

Wenn du wütend bist, dann tu was! Deine Wut formulieren. Nicht aufhören. Immer und immer wieder. Am besten vernachlässigst du deine Freunde, deine Familie, deinen Brotjob, damit sich diese Wut zu einem feisten Klumpen entwickelt. Rausschreien! Rausschreien, willst du! Sollst du! Du weisst, weshalb die anderen alle schlechte Menschen sind und du eigentlich die Lösung hättest, wenn man dich nur liesse? Poste es! Schick Freundschaftsanfragen an andere Menschen, die das auch posten. Dann hast du ganz viele Menschen um dich, die ganz wütend sind. Gemeinsam. Das fühlt sich gut an.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Wenn du es schaffst, ein Jahr lang pro Facebookpost mindestens 30 Likes zu erhalten, bekommst du eine Kolumne auf Watson oder eine Stelle als Social Media Developer bei Greenpeace.

3. Eine menschliche Handgranate

Der Begriff stammt von Michael Moore: Ein gewisser Blondschopf werde gewählt, da er eine menschliche Granate sei. Man kann nichts ändern, aber es gibt die Möglichkeit, es „dem“ Establishment zu zeigen, „dem“ System, „den“ Alten. Eine menschliche Granate ist eine Art gesellschaftlicher Reset-Button. Alles weg, alles zerstören, wenigstens gehen wir gemeinsam bergab. Das ist immerhin neu. Irgendetwas wird sich so schon irgendwie ändern. Und übrigens: Wenn wir uns alle sterilisieren lassen würden, könnten wir den Klimawandel aufhalten.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Solange du nicht Slavoj Žižek wählen kannst, wählst du Grumpy Cat Donald

2. Achtsamkeit

Imagine all the people ... würden sich als Kollektiv zusammenschliessen und jedes Anliegen, das mindestens drei Menschen betrifft, ausdiskutieren, bis es für alle passt. Wenn man was gut findet, würde man mit den Händen in der Luft wedeln. Das einzige, was verboten ist: Klatschen. Klatschen ist einfach zu laut.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Da es ein paternalistischer Übergriff wär, dich zu klassifizieren, konnten wir dich leider nicht unter einen Schlagwort-Satz fassen. Einige von uns werden sich aber im persönlichen Zweiergespräch an dich wenden und dir mit viel Empathie erzählen, wer du bist. Ausserdem: Wenn du noch zustimmst, dann herrscht Konsens, dass wir für das nächste 1. Mai-Fest eine kollektive Kochplatte kaufen.

1. Der Weg ist das Ziel

Die Band WIZO hat in den 90ern ein Lied geschrammelt: „Das Goldene Stück Scheisse“. Darin machen sie vielen Vorwürfe. Den Nazis, der BRD, dir. Am Ende aber sich selbst. Vorwürfe zu machen ist selbstgerecht. Darum zum Schluss die Alternative, in welche die Selbsthilfegruppe 0 selbst ein bisschen verknallt ist. Mal dir eine Gesellschaft aus, in der sich alles in stetiger Veränderung befände, die sich immer weiterentwickeln würde. Wie ein Fluss. Wir würden uns dauernd selbst überrumpeln, neu ausrichten müssen, Werte könnten sich den Gegebenheiten anpassen, weil wir es gewohnt wären Brüche in unseren Leben zuzulassen.

Die Selbsthilfegruppe 0 sagt: Das Goldene Stück Scheisse geht an uns, denn was, das auf dauernde Veränderung ausgerichtet ist, aber nichts will als die dauernde Veränderung, ist pure Romantik. Eine Gesellschaft kann nicht so funktionieren, denn jeder bräuchte zu jedem Zeitpunkt eine individuell andere Veränderung. Wer würde die Veränderung kontrollieren? Die Selbsthilfegruppe 0 sieht schon das Meer aus wedelnden Händen.

Herzlichen Dank fürs Lesen. Dies zu formulieren, war eine wichtige Frustration für die Selbsthilfegruppe 0. Die empfundene Alternativlosigkeit ist beim Schreiben intensiver geworden.

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